Sonntag, 31. August 2014

Das Gewohnheitstier

Das Gewohnheitstier trägt dunkelbraunes, zotteliges Fell, ist von rundlicher Gestalt, hat eine dunkelrote Nase und die großen Glubschaugen mit müdem Blick werden von den Lidern stets halb verdeckt. Das Gewohnheitstier ist ein sehr ruhiger Zeitgenosse und bewegt sich wenig bis gar nicht. Das Gewohnheitstier hat es am liebsten so, wie es schon (gefühlt) immer war. Kleinste Veränderungen bewirken eine große Unruhe bis hin zur leichten Aggressivität. Dem kann nur durch die Rückkehr zum Ausgangspunkt oder einer langwierigen und schwierigen Konditionierung entgegengewirkt werden.

Ich besitze ein besonders ausgeprägtes Exemplar des Gewohnheitstiers. Es ist sehr anhänglich und lässt mich keine Minute allein. Deshalb hat es mich wohl letztens auch zum Einkaufen begleitet und mich fast in den Wahnsinn getrieben. Schon auf dem Parkplatz meiner Stamm-Netto-Filiale wurde es ungemütlich. Es entdeckte die auf dem Parkplatz stehenden Regale und wurde sogleich unruhig. Tatsächlich musste ich ihm mit Engelsgeduld erklären, dass die Filiale umgebaut wird, wir deshalb heute dort nicht einkaufen können, sondern woanders hinfahren müssen. Als ich ihm vorsichtig vorschlug, dass wir ja auch wieder einmal zu Aldi fahren könnten, riss es entsetzt die Augen auf und fing zu knurren an. Ich versteh es ja. Die Wurstauswahl bei Netto gefällt ihm einfach besser, zudem denkt das Gewohnheitstier auch an Zwergnase. Bei Aldi gibt es keine Babynahrung. Und wir hatten beide keine Lust, noch einen Zwischenstopp bei dm einzulegen. Also nicht zu Aldi, sondern zu der nächsten Netto-Filiale. Am Bahnhof. Das Gewohnheitstier kann diese Filiale nicht leiden.

Schon bei der Einfahrt in den Parkplatz der nächste nervöse Zustand. Wo werden wir parken? Wo ist es auf diesem Parkplatz am geschicktesten, sodass man schnell an einen Einkaufswagen kommt und ihn vor allem am Ende des Einkaufs wieder schnell zurückstellen kann? Wo steht hier überhaupt die blöde Einkaufswagengarage? Ich parke recht ungünstig, die Miene des Gewohnheitstiers verdüstert sich zusehends. Das Gewohnheitstier wird pampig, als wir den Laden betreten. Ihm fällt ein, dass die Netto-Filialen - anders als bei Aldi - nicht alle gleich aussehen und nicht alle gleich aufgebaut sind. Super. Man muss hier nicht im, sondern gegen den Uhrzeigersinn seine Runden drehen. Irgendwie ist alles spiegelverkehrt. Das Gewohnheitstier motzt herum: "Du wirst die Hälfte sowieso vergessen und dich ärgern! Lass uns erst nächste Woche wieder einkaufen, wenn unsere Filiale fertig ist!" - "Nein, Gewohnheitstier, wir brauchen aber jetzt etwas zu essen und nicht erst nächste Woche!" - "Ich will hier raus." - "Nein." - "Ich will aber!" - "Nein. Wir ziehen jetzt das durch. Stell dich nicht so an! Diskussion beendet!" - Knurren.

Am Kühlregal mit Joghurt, Quark usw etwas Entspannung. "Siehst du", sage ich, "wir finden unsere Sachen schon!" Das Gewohnheitstier zuckt nur verächtlich seine Schultern und murmelt irgendetwas davon, dass die Milch und die Kaffeesahne anders angeordnet sind. Kein Problem! Wir gelangen ans Wurstregal, das nur halb so lang ist wie wir es gewohnt sind. Ratlosigkeit macht sich breit. Haben die nur die Hälfte des Sortiments? Der Kopf des Gewohnheitstiers verfärbt sich bereits rot und es wirft mir vor, warum wir nicht zu Aldi und dm gefahren sind. Als hätte ich ihm das nicht vorgeschlagen! Aber Entwarnung. Um die Ecke finden wir die bekannten Verpackungen. Die Gesichtsfarbe des Gewohnheitstier entspannt sich, um sich sofort wieder zu verdüstern. Hier gibt es eine Metzgereitheke und kein abgepacktes Fleisch. Nun könnte man ja meinen, dass eine Metzgereitheke ja ohnehin besser sei als das Kühlregal mit dem vorbereiteten Fleischwaren. Aber weit gefehlt! Das Angebot an der Theke ist aber nicht so groß wie das des Kühlregals. Man steht vor der Auslage und überlegt, was man überhaupt nehmen soll, während die Verkäuferin hinter der Theke schon mit den Hufen scharrt. Am Kühlregal kann ich mir Zeit nehmen. Ich gehe es auf und ab und überlege, was ich die nächsten Tage kochen möchte und ob ich etwas zum Einfrieren mitnehmen will. An der Theke entdecke ich Dreiviertel der üblichen Waren gar nicht, der Blick der Verkäuferin wird immer ungeduldiger und ich entscheide mich relativ unüberlegt für einen Kompromiss für den heutigen Tag. Muss ich eben die nächsten Tage noch einmal los - wahrscheinlich zu Aldi. Mein Gewohnheitstier hat resigniert. Es ist fertig mit der Welt. Es quengelt. Ist unausstehlich. Macht aus dem Nichts ein Drama. Als wir in den Gang einbiegen, in dem normalerweise Hygieneartikel und Babynahrung stehen, hält es die Luft an. Keine Babynahrung. Müssen wir jetzt doch noch woanders hinfahren??? Es zergeht in Selbstmitleid, dass es diese ganzen Strapazen auf sich genommen hat und nun alles umsonst gewesen ist. Das Gewohnheitstier zieht eine Spur Tränen hinter sich her und lässt sich von mir kaum trösten. Dieser Einkauf ist ihm eindeutig zu viel. Erst als wir um eine weitere Ecke biegen und sich hinter einer Säule in einem ganz schmalen Regal die Babynahrung versteckt, hört es auf zu weinen, schnieft herzzerreißend vor sich hin und atmet erleichtert auf. "Alles halb so schlimm, liebes Gewohnheitstier! Warum soll es hier denn keine Babynahrung geben?" Es stottert mir immer noch schniefend vor, dass es vor zwei Minuten schließlich noch so ausgesehen habe und... und... dann muss es wieder weinen. Ich kann nur mit den Augen rollen, was es Gott sei Dank nicht gesehen hat.

Wie durch ein Wunder erreichen wir irgendwann die Kasse und der Einkaufswagen sieht halbwegs vollständig aus. Das Wichtigste haben wir wohl gefunden. Als wir den Laden verlassen, entspannt sich das Gewohnheitstier endlich wieder. Es weiß, dass das Schlimmste überstanden ist. Jetzt geht es heim und alles ist wieder gut. Gut, dass es zu dem Zeitpunkt noch
nicht weiß, dass der kürzeste Weg nach Hause wegen Bauarbeiten gesperrt ist und wir einen Umweg werden fahren müssen...

Bildnachweis: FreeImages.com / Jean Scheijen

Dienstag, 19. August 2014

Bedienungsanleitung Modell "Zwergnase"

Achtung: Die nachfolgende Bedienungsanleitung gilt ausschließlich für das Modell "Zwergnase". Es sind erhebliche Abweichungen zu den Modellen "Prinz", "Prinzessin", "Krümel", "Maus" etc. möglich!

Die Sleep-Funktion endet etwa um 06.00 Uhr morgens. Abweichungen im Rahmen von 30 Minuten sind möglich und bedürfen keiner Überprüfung. Die morgendliche Inbetriebnahme erfordert einen Input von 120ml Flaschennahrung und eine frische Windel. Während des Verarbeitungsprozesses ruht Zwergnase eine weitere Stunde in der elterlichen Ladestation.

Anschließend ist Zwergnase voll funktionsfähig und bedarf eines umfangreichen Beschäftigungsprogramms. Es empfiehlt sich eine Dauerinstallation der Krabbeldecke im Wohnzimmer. Diverses Spielzeug (siehe Zubehör) ebenfalls bereithalten. Zwergnase läuft maximal 60 Minuten mit Autopilot. Durch ein akustisches Signal wird auf den absinkenden Füllstand hingewiesen. Zum Auffüllen Saftschorle oder Wasser bereithalten.

Durch Herumwälzen und quengeligen Rufton signalisiert Zwergnase Hunger. Dabei empfiehlt sich vor 10.00 Uhr 120ml Flaschennahrung, nach 10.00 Uhr ein Mittagsmenü. Eine frische Windel empfiehlt sich nach dem Mittagsmenü. Zwergnase zeigt deren Bedarf durch einen drückenden Signalton an. Eine Kontrolle der Dringlichkeit ist auch durch ein olfaktorisches Frühwarnsystem möglich. 

Danach sollte die Sleepfunktion aktiviert werden. Hierfür werden benötigt: Saft-/Wasserflasche, Spieluhr "Somewhere over the Rainbow", Schnuller, Mullwindel und Geduld. Die Aktivierung des Schlafmodus kann durchaus längere Zeit in Anspruch nehmen als dieser anhält.

Anschließend kann der Autopilot nicht aktiviert werden. Es bieten sich verschiedene Spielsachen an oder auch das Spiel "Kuckuck!". Durch Zungenschnalzen kann die Lachfunktion aktiviert werden. 

Zwischen 13.00 und 14.00 Uhr erfordert Zwergnase eine neuerlichen Input. Zur Auswahl stehen Obstbecher, Eierplätzchen, Banane, Wasser/Saftschorle ODER 160ml Flaschennahrung. Bei der ersten Variante kann je nach Tagesform zusätzlich Flaschennahrung bis 120ml notwendig sein. Vor der Flaschennahrung kann eine frische Windel notwendig sein.

Die Flaschennahrung sollte in der elterlichen Ladestation bei niedrigen Lichtverhältnissen zugeführt werden.
Der Sleepmodus startet dann meist automatisch. Der Sleepmodus variiert erheblich je nach Feinabstimmung. In Zwergnases Ladestation dauert er 30 bis 45 Minuten. In der elterlichen Ladestation 120 bis 180 Minuten! Körperliche Nähe ist dafür aber unverzichtbar.

Wird der kürzere Sleepmodus gewählt, ist ein neuerlicher Sleepmodus um ca. 17.00 Uhr nötig, der am einfachsten durch Autofahren oder Wageln gestartet wird.
Bis zu 30 Minuten Autopilot sind im Anschluss möglich. Baden aktiviert den Lachmodus besonders leicht. Achtung! Nach dem Bad muss ohne Verzögerung der Abendbrei zugeführt werden!

Ohne Bad wird der Abendbrei zwischen 18.00 und 19.00 Uhr notwendig. Danach kein Autopilot möglich.
Die letzte Sleepfunktion signalisiert Zwergnase durch Augenreiben und Schließen der Augen meist gegen 20.00 Uhr. Nach der Installation einer frischen Windel und der Verpackung im Schlafsack werden 200ml Flaschennahrung in der elterlichen Ladestation gegeben. Nach dem Starten des Schlafmodus Zwergnase vorsichtig in seine Ladestation legen. Sollte der Schlafmodus unterbrochen werden, kann er erst etwa 40 Minuten später wieder gestartet werden.

Bildnachweis: FreeImages.com / Michael & Christa Richert

Dienstag, 12. August 2014

Der Blumenstrauß

Anke sah aus dem Fenster. Die Aussicht war nicht berauschend. Neben der Autobahn reihte sich ein Acker an den nächsten. Die Ernte war schon vorüber, zurück blieb die bloße Erde, die eigentlich nur noch auf den Winter wartete. Kalt und leer und ohne Leben. Ihr Mann Christoph saß am Steuer und schien von der ganzen Atmosphäre und vor allen Dingen von ihrer Stimmung nichts mitzukriegen. Es war ja auch eigentlich erst Oktober. Die Bäume zeigten ihr ganzes prächtiges Farbenspiel, als feierten sie die letzte große Party vor ihrem Winterschlaf. Christoph war tatsächlich in Partystimmung. Was sie danach erwartete, interessierte ihn nicht. "...und am Samstag die Party noch von Stefan! Das wird ein Spaß, sag ich dir. Wir können zu Fuß gehen und beide so richtig feiern! Das tut uns bestimmt gut. Deine Mutter nimmt doch Daniel, oder?" - "Was? Oh... ja, sicher kann Daniel dort übernachten." Anke stierte weiter aus dem Fenster und zog die Augenbrauen zusammen. Ihr war schlecht. Kotzübel. Ein schwerer Duft hing im Fahrraum, wie von diesen ekelhaften Wunderbäumen, die in der Regel die Luft verpesteten, anstatt sie zu erfrischen. Am Rückspiegel hing aber keiner. Wahrscheinlich hatte Christoph ihn zuhause kurz vor ihrer Abfahrt abgenommen. Eigentlich war er ein guter Mann. Fürsorglich.
Sie hatte sich immer ein weiteres Kind gewünscht. Daniel war jetzt drei Jahre alt. Das wäre das perfekte Timing für ein zweites Baby. An die Strapazen der ersten Schwangerschaft dachte sie nicht mehr. Liegen. Immer nur liegen, von Anfang an, um eine Frühgeburt zu verhindern. Trotz aller Anstrengung war in der 30. Woche Schluss gewesen. Daniel war zu früh gekommen und hatte Probleme mit der Atmung. Wochenlang Intensivstation und immer die Angst, dass etwas zurückbleibt. Aber er war gesund. Jede Anstrengung war es wert gewesen, zu kämpfen. Von Anfang an. Anke presste bei dem Gedanken daran die Lippen aufeinander und hoffte, dass sich die eine Träne, die sie bereits im Augenwinkel spürte, nicht selbstständig auf den Weg über ihre Wange machte. Christoph konnte es nicht leiden, wenn sie weinte. In den letzten vierzehn Tagen hatte sie viel geweint. Christoph hatte viel geschrien. Mit den Türen geknallt. Hatte sie stehen lassen und kam betrunken wieder. Aber geschlagen hatte er sie nicht. Nein, sowas machte Christoph nicht. Er war ein anständiger Kerl. Fürsorglich. Eigentlich.
Christoph wusste von ihrem Kinderwunsch. Er war dagegen. Er hatte alles für Anke und Daniel getan. Er hatte es ohne Vorwurf hingenommen, dass Anke ihn neben Daniel zu Luft werden ließ. Immer nur Daniel. Krankenhäuser, Untersuchungen, stundenlanges Warten auf sterilen und unpersönlichen Gängen. Natürlich hatte auch er alles für ihren gemeinsamen Sohn getan. Aber er hätte sich auch seine Frau zurückgewünscht. Die Frau, die er vor der Schwangerschaft hatte. Die ihn auch einmal nach der Arbeit in Reizwäsche erwartete. Aber seit der Geburt des Sohnes blieb die Reizwäsche verschwunden. Auch drei Jahre später war die Reizwäsche unauffindbar. Sex gab es nur noch im Dunkeln. Unter der Bettdecke. Blümchensex. Er fühlte sich betrogen. Er hätte sich eine Belohnung für seine Aufopferung gewünscht, Ankes unendliche Dankbarkeit für seine Unterstützung. Aber sie hatte alles einfach so eingefordert. Als wäre das selbstverständlich. Und da wollte sie ein zweites Kind?! Dass er noch mehr geben und noch weniger von ihr haben sollte? Auf keinen Fall. Daniel kam schon nur deshalb zustande, weil diese blöde biologische Uhr bei Anke zu ticken begonnen hatte. Weil alle ihre Freundinnen Kinder bekamen. Er hätte genauso gut ein Leben mit Städtereisen, Eigentumswohnung und tollen Autos verbringen können. Aber nein, monatelang lag sie ihm in den Ohren, welche Bereicherung ein Kind doch für ihre Ehe wäre. "Ein Baby ist die Krönung unserer Liebe", hatte sie getönt und er hatte schließlich nachgegeben. Er würde arbeiten gehen und Anke sich um das Kind kümmern. So war sein Plan gewesen. Das Ende des Liedes war, dass er zusätzlich zu seinem Job auch noch den ganzen Haushalt am Hals hatte, während Madame die Couch durchgelegen hatte. Sie hatte ihm Alkoholverbot auferlegt. Sie wären zusammen schwanger. Was sie nicht dürfe, dürfe er auch nicht, hat sie von ihm gefordert. Aber den Haushalt. Den durfte er schon machen und sie konnte nicht einmal ihr leeres Glas zur Spülmaschine tragen. Und er hatte gelächelt und ihr den Himmel auf Erden bereitet. In der Hoffnung, dafür belohnt zu werden. Nein, nochmal würde er das nicht durchmachen und das hatte er ihr deutlich genug zu verstehen gegeben.
Anke dachte an den Abend. An den einen Abend. Christoph kam von seiner Stammkneipe nach Hause und war angetrunken. An der Art, wie er zu ihr ins Bett kroch, merkte sie schon, was er vorhatte. Sie hatte ihn darauf hingewiesen, dass er ein Kondom benutzen sollte, wenn er kein weiteres Kind haben wolle. Er hat nur mit den Schultern gezuckt und gemeint, bei Daniel hätte es ja auch nicht gleich geklappt. Knappe drei Wochen später hatte sie ihm am Sonntag Frühstück ans Bett gebracht. Einen Kaffee, ein Glas Orangensaft, Speck und Eier - so wie er in ihren Urlauben immer zu frühstücken pflegte. Den positiven Schwangerschaftstest hatte sie unter der Serviette versteckt. Als er ihn entdeckte, musste sie das Bett neu beziehen, weil das Tablett durch die Gegend geflogen war. Wie das passieren könne, hatte er gefragt, dieser Dummkopf. Sie habe ihn verführt und hintergangen, hatte er ihr vorgeworfen. Als Anke ihn an die Umstände erinnerte, hatte er die Tür hinter sich zugezogen und war erst am Abend wieder nach Hause gekommen. Er hatte sich beruhigt und sie haben in Ruhe geredet. Dass es vom Platz her kein Problem sei, dass diese Schwangerschaft ja ganz anders verlaufen könne und sie das schon hinbekommen würden. Anke war erleichtert gewesen und Freude machte sich in ihr breit. Die Ernüchterung kam dann aus heiterem Himmel beim Arzt. Es sah alles gut aus, das Herz schlug kräftig und nichts deutete auf Komplikationen hin. Die Ärztin drückte ihnen das Ultraschallbild in die Hand und wollte sie schon verabschieden, als Christoph sie fragte, ob es für eine Abtreibung schon zu spät sei. Die Ärztin runzelte nur die Stirn und drückte den beiden Adressen von Beratungsstellen in die Hand. Christoph hatte sie mit eiskaltem Blick angelächelt und Anke aus dem Zimmer geschoben.

Jetzt waren sie auf dem Weg zur Abtreibungsklinik. Christoph hatte den Termin vereinbart. Anke rief sich ihre Diskussionen ins Gedächtnis. Er hatte ihr gar nicht damit gedroht, sie sitzen zu lassen. Nein, das macht ein anständiger Kerl nicht. Die schwangere Frau mit Kind sitzen lassen. Nein, er hatte ihr Angst gemacht. Dass die Schwangerschaft wieder so schwierig werden würde. Dass sie wieder Wochen und Monate um das Baby kämpfen müssten und dass sie das Daniel nicht zumuten könnten. Es wäre schon allein ihm gegenüber unfair. Ob sie das verantworten wolle, hatte Christoph sie gefragt. Er hatte keinen Tag vergehen lassen, ohne zu betonen, wie schwierig alles werden würde. Wer sich denn um Daniel kümmern solle, wenn sie wieder zum Liegen verdonnert werden würde. Er hatte betont, dass Daniel nun schon aus dem Gröbsten raus sei, warum sie noch einmal von vorne anfangen wolle. Ja, Christoph hatte sie eingelullt. Er hatte sich besorgt gezeigt, hatte freundlich auf sie eingeredet und wenn das nicht geholfen hatte, hatte er geschrien und Anke hatte geweint. Irgendwann hatte Anke aufgegeben. Sie konnte ihm nichts entgegenhalten. Aber sie wusste, dass seine Argumentation einen Haken hatte. Sie war schlichtweg falsch. Und nun saß er da am Steuer und tat so, als würden sie in Urlaub fahren - in ein besseres Leben. Sie wollte die Abtreibung nicht und ihm war es egal. Es war ihm egal, dass sie es war, die tagtäglich an das ungeborene Kind denken wird müssen, was es erleben hätte können und wie es zusammen mit seinem großen Bruder spielen hätte können. Als sie aus dem Auto ausstieg, atmete Anke erst einmal durch. Der schwere und leicht süßliche Gestank im Auto erinnerte sie an Verwesung. Noch fünf Minuten länger im Auto und sie hätte Christoph wohl auf die Armaturen gekotzt. Anke fühlte sich, als müsste sie auf ihre eigene Beerdigung gehen, während Christoph beste Laune hatte und strahlte wie ein Kind unter dem Weihnachtsbaum. Dieses Kind würde nie einen Weihnachtsbaum mit leuchtenden Augen sehen. Niemals.

Er verschwand hinter der Heckklappe des Wagens und zwinkerte ihr zu. "Ich habe etwas für dich", nuschelte er dahinter. Als Anke ihren Blick von dem Klinikgebäude abwandte und sich umdrehte, schlug ihr der Verwesungsgestank mit voller Wucht ins Gesicht. Christoph hatte sich mit einem Strauß Blumen aus Lilien und Orchideen, die den schweren Duft verströmten, vor ihr aufgebaut und schenkte ihr sein charismatischtes Lächeln, mit dem er sie vor acht Jahren zu einem Date überredet hatte. Für Anke war es nur eine verzogene Fratze. "Blumen für dich! Damit du endlich wieder lachen kannst!" Was für einen anständigen und fürsorglichen Mann sie doch hatte, dachte Anke mit Bitterkeit und ließ ihn wortlos stehen.

Bildnachweis: FreeImages.com / unbekannt

Samstag, 9. August 2014

Auf dem Wochenmarkt

Bildquelle: Obst & Gemüse Grad
auf dem Wochenmarkt in Bad Kötzting
Mama weckt mich mitten in der Nacht. Es muss mitten in der Nacht sein, denn es ist stockdunkel. Sie zieht mich flott an und drückt mir eine Flasche Erdbeerkaba in die Hand, bevor sie mich ins Auto packt. Die Fahrt dauert nicht lange, dann sind wir bei meinen Großeltern im Hof. Während die Welt rundherum noch schläft, herrscht hier bereits reges Treiben. Die Tore der Halle sind alle offen und hell beleuchtet. Einer der für mich riesigen Lastwagen mit orangem Führerhaus fährt bedrohlich brummend gerade heraus. Der Auflieger ist weiß mit orangen Streifen und oranger Schrift. Was drauf steht, weiß ich nicht, denn ich kann noch nicht lesen. Ach ja! Mama nimmt mich heute mit auf den Obst- und Gemüsemarkt meiner Großeltern, wo sie verkaufen hilft. Am meisten freue ich mich auf die Fahrt im Lastwagen. Die Welt sieht in der erhöhten Fahrkabine sehr viel spannender aus als aus dem Auto. Alle Müdigkeit ist wie weggeblasen. Mama und Oma gehen die Preise der viel gekauften Artikel durch. Soviele Zahlen! Ich kann mir keine merken. Auf dem Weg tiefer in den bayerischen Wald warte ich gebannt auf meine Kurve, in der man freie Sicht auf eine riesige Eisenbahnbrücke erhält. Diese beeindruckt mich noch heute. Zwei Säulen aus großen Steinblöcken ragen ehrfürchtig nach oben. In schwindelerregender Höhe führt dann die Eisenbahntrasse durch den Himmel. Mama nimmt mich immer wieder mal mit. Ich frage, wohin es geht. "Zwiesel!" ist die knappe Antwort, die mir aber eigentlich gar nichts sagt und wegen der Mama nun nicht gehört hat, was die Tomaten kosten. Erst als wir in den Ort einbiegen, kann ich mit der Angabe etwas anfangen. Zwiesel. Gegenüber des Marktplatzes ist ein Spielplatz, auf dem ich mich später amüsieren darf. Aus dem Bach dort werde ich kleine bunte Kiesel fischen, die von den Glasereien kommen. Aber erst einmal hat niemand Zeit, mich hinüber zu bringen. Es dämmert inzwischen und der Marktstand muss aufgebaut werden.
Besuchte Wochenmärkte:
Dienstag: Pilsting - Neuhausen - Pfaffenberg/Mallersdorf
Mittwoch: Viechtach - Furth - Geiselhöring
Donnerstag: Bad Kötzting - Schloss Egg
Freitag: Grafenau - Wallersdorf - Drachselsried
Samstag: Schöllnach - Eichendorf - Tittling - Zwiesel

Mit einem Ruck gehen die Seitenklappen des LKWs hoch und jemand öffnet hinten die Türen. Jetzt heißt es, ja nicht im Weg zu stehen, sonst werde ich geschimpft. Alles muss jetzt schnell gehen. Aber ich darf helfen. In einer Reihe werden leere Apfelkisten aus Holz hochkant aufgestellt. Sie bilden den Unterbau für die eigentlichen Stände. Die werden von ganz vorne seitlich herausgezogen und nach und nach auf die Apfelkisten gelegt. In großen Kisten aus Sperrholz sind die elektrischen Waagen versteckt. Meine Lieblingswaage steht aber bei den Kartoffeln. Das ist noch so eine richtig alte mit Bleigewichten in verschiedenen Größen. Gleichzeitig werden die Kisten und Steigen mit den Waren herunter gehoben und gleich dort abgestellt, wo sie später die Früchte ausliegen werden. Es gibt viel zu tun, da müssen Handgriffe gespart werden. Alles muss zackig gehen. Wir haben keine Zeit zum Langsamschauen. Auf dem LKW werden später noch die Salatkisten aufgestellt werden. Zum Schluss werden die schweren Marktschirme aufgestellt. Ich bin beeindruckt, wie Oma und Mama die alleine herumtragen. Als das Grundgerüst des Marktstandes steht, darf ich auch endlich wieder helfen. Gurken und Tomaten auftürmen, Äpfel und Birnen Stück für Stück in einen Berg verwandeln. Äpfel und Birnen dürfen nämlich nicht aufgeschüttet werden, sonst gibt es hässliche braune Druckstellen und keiner will sie mehr kaufen. Deshalb darf ich die Früchte auch nicht werfen, sondern lege jede einzelne vorsichtig hin. Die leeren Steigen, Pappkartons und Kisten darf ich stapeln. Dass daraus dann eher eine Burg zum Spielen wird, dafür kann ich aber nun wirklich nichts!

Und so vergeht der Vormittag. Ich spiele mit den leeren Schachteln, darf immer wieder die Schütten auffüllen, klaue hier und da eine zuckersüße, fast schwarze Kirsche oder eine saftige Zwetschge oder eine reife Banane oder eine süße, grüngelbe Weintraube. Die Obstberge sehen aus wie in einem Bilderbuch. Das satte Gelb der Bananen, das kräftige Rot der Tomaten, das tiefe Grün der Gurken. Die riesigen Nektarinen und Pfirsiche, bei denen ich beide Hände brauche, um sie sicher zu halten. Die Aprikosen haben rosige Bäckchen. Mit den Rettichen könnte man wahrscheinlich jemanden erschlagen, so groß sind die Wurzen. Die Radieschen liegen wie kleine freche Kugeln daneben. Und alles riecht so herrlich, frisch und appetitlich. Ich hätte blind sagen können, ob ich gerade am Gemüse- oder am Obstende des Aufbaus stehe. Manchmal fragt mich eine Kundschaft, ob ich schon mal Kartoffeln in eine Rogl schaufeln kann. Aber klar kann ich das! Meistens bin ich aber zu langsam und Oma oder Mama unterbrechen mich und schaufeln selbst. Meine Brotzeit habe ich mir trotzdem verdient.

Mittags findet alles rückwärts wieder seinen Platz auf dem LKW. Die Kisten und Steigen sind fast alle leer. Auf der Rückfahrt werde ich vermutlich einschlafen, obwohl ich mich immer anstrenge, wach zu bleiben, um die Fahrt zu genießen. Aber es ist warm, der Motor brummt und brummt monoton vor sich hin und ich bin müde... die Augenlider wollen einfach nicht oben bleiben.

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