Samstag, 13. September 2014

Der Fallschirmsprung

Als die beiden Kuverts an zwei bunten Spielzeugfallschirmen auf den Brauttisch segelten, stand ich eindeutig auf dem Schlauch. Erst als meine Mutter neben mir mich fragte, ob ich schon verstanden hätte, dass es sich bei dem Geschenk um einen Tandem-Fallschirmsprung handelt, machte es klick. Meinen Gesichtsausdruck damals kann ich mir nur allzugut vorstellen. Obwohl ich den ganzen Tag nur gelacht hatte, musste mir nun das blanke Entsetzen ins Gesicht geschrieben sein. Ein F-a-l-l-s-c-h-i-r-m-s-p-r-u-n-g ?! Mit einem kleinen Flugzeug nach oben und sich mit nichts als ein bisschen Stoff in die Tiefe stürzen? Ich bin kein Adrenalinjunkie. Ich mag es sicher. Selbst im Vergnügungspark muss ich mich langsam an die großen Achterbahnen herantasten und steige dann meist in die neuesten und wildesten nicht ein. Ich bin ein Hasenfuß. Beim Anblick der Kuverts wird mir flau im Magen. Allerdings muss man sagen, dass das zumindest ein außergewöhnliches Geschenk zur Hochzeit war und ich würde einen Teufel tun und mich drücken. Dazu bin ich zu stolz.

Die "Ich stürze mich freiwillig in den Tod"-Aktion war für den 9.9.2012 geplant. Was soll's, dachte ich mir, am 21.12. würde die Welt ja sowieso untergehen... Mein Mann und ich mussten ja auch nicht alleine springen. Meine Tante, mein Onkel, mein Cousin und meine Kusine würden sich ebenso todesmutig aus dem Flieger werfen. Das machte es etwas erträglicher. Schon am Abend vorher war ich nervös. Wir waren noch auf dem 50. Geburtstag des Onkels meines Mannes eingeladen. Beim Essen hatte ich keinen rechten Appetit, so aufgeregt war ich schon. Am liebsten hätte ich mir die Kante gegeben, aber sich am Tag vorher zu alkoholisieren schien mir nun nicht die beste Idee. Der Cousin meines Mannes versuchte mich zu beruhigen. Er sei auch schon mal mit dem Fallschirm gesprungen und dass es wirklich toll sei. Es würde uns sicher gefallen. Meine Zweifel konnte er nicht zerstreuen. Er hatte ja keine Ahnung, dass mein innerer Angsthase ein ausgewachsenes Vorzeigeexemplar ist.

In dieser Nacht schlief ich erdenklich schlecht. Ich wälzte mich von einer Seite auf die andere und stand sogar auf, um eine zu rauchen. Ich würde den morgigen Tag nicht überleben! Davon war ich felsenfest überzeugt. Mir würde sicher schlecht werden, beim freien Fall würde es mir den Magen wie in der Achterbahn nach oben drücken. Ich hasse dieses Gefühl. Für mich ist das kein Spaß, sondern Überwindung. Ich bin nach Achterbahnfahrten auch nicht euphorisch, sondern nur froh, wenn sie vorbei sind. Unmengen an Kaffee und Zigaretten am Vormittag lösten mein Problem sicher nicht, aber ich bildete mir ein, dass es mich beruhigt. Was natürlich Quatsch war. Ich war ein wandelndes Nervenbündel. Mittag waren wir schon mit den anderen Todesmutigen zum Essen verabredet. Am Telefon wurde meiner Tante gesagt, man solle vorher gut gegessen haben. Man brauche sich keine Sorgen machen, dass man sich übergeben müsse. Wahrscheinlich war das Essen auch für den Kreislauf notwendig. Keine Ahnung, aber wenn es einem geraten wird, sollte man sich wohl besser daran halten. Wir saßen im Biergarten des örtlichen Griechen, aber für die Idylle des an sich wirklich gemütlichen Platzes hatte ich an diesem Tag kein Auge übrig. Jeder Muskelfaser meines Körpers war zum Zerreißen angespannt. Ich brauchte gar nicht zugeben, wieviel Angst ich hatte. Man sah es mir sowieso an. Aber die Erklärung meiner Verwandten, dass ich sicher Nein gesagt hätte, hätten sie vorher gefragt, war plausibel. Natürlich hätte ich Nein gesagt. Alles in mir schrie danach, mich irgendwo in einem Erdloch zu verkriechen und zu verstecken! Nein, nein, das war schon richtig so, dass sie mir davon nichts gesagt hatten.

Auf dem Weg zum Sportflugplatz verkroch ich mich in meinem Sitz. Wir würden ja zusätzliches Publikum haben. Meine Großeltern würden zuschauen, meine Eltern und auch ein paar Freunde von uns. Als wir ankamen, war das kleine Sportflugzeug gerade in der Luft. Gebannt starrten wir alle nach oben. Aber es war gar nicht so leicht, den Flieger im wolkenlosen Himmel auszumachen und im Auge zu behalten. Meist hörte man ihn erst, bevor man ihn sah und wenn man den Kopf drehte, um ihn jemand anders zu zeigen, hatte man ihn schon wieder verloren. Auf einmal löste sich ein Punkt vom Flieger. Jetzt war einer gesprungen! Oh Gott! Nicht mehr lange und ich würde das Häufchen Elend sein. Es schien eine Ewigkeit zu vergehen, bis sich der Schirm öffnete.

Bei der Instruktion der Tandemmaster hörte ich aufmerksam zu. Meine Zuschauer lachen noch heute über mein ernstes Gesicht. Wie muss man den Kopf beim Ausstieg halten, wie die Arme? Ich wollte doch nichts falsch machen! Im Nachhinein muss ich schon sagen, dass mein Leben wohl nicht davon abhing, aber in diesem Moment kam es mir durchaus so vor. Der Pilot lag bei der ganzen Prozedur im Gras und machte den Anschein, als schliefe er. Seltsamer Vogel. Aber wenn man das kleine Flugzeug betrachtete, brauchte man wohl auch diese Ruhe. Die alte Klapperkiste machte alles andere als einen vertrauenerweckenden Eindruck und als die Tandemmaster dann noch erwähnten, dass es in der nächsten Saison einen neuen Flieger gäbe, beruhigte mich das keineswegs. Da war ich um den Fallschirm doch glatt wieder froh!

Beim Aufstieg versuchte mich mein Tandemspringer so gut es ging zu beruhigen. Er sagte mir, in welche Richtung wir nun fliegen, zeigte mir immer wieder den Höhenmesser und ließ mich die Aussicht bewundern. Diese war der Hammer! Es war so ein klarer Tag, dass man sogar die Alpen sehen konnte. Dabei waren wir gerade mal in Dingolfing! Ziemlich rasch wurde alles immer kleiner und kleiner und wir stiegen höher und höher. Meine Aufregung legte sich jedoch mit jedem Höhenmeter. Trotz des Röhrens der Maschine war es auf eine seltsame Art und Weise ruhig und friedlich hier oben in der Luft. Das geschäftige Treiben am Boden war weit weg. Man sah die Autos auf der A92, aber man hörte sie nicht. Wie Ameisen liefen sie ihre Straße entlang. Plötzlich machte sich jedoch Unruhe breit. Mein Mann wurde bei seinem Tandemspringer eingehakt und die Seitenklappe - die im Übrigen nur mit einem Expander notdürftig zugehalten wurde - schnappte auf. Ich sah wieder ängstlich zu, wie die beiden sich bei circa 3000 Metern Höhe in Position brachten. Die Beine meines Mannes baumelten frei in der Luft. Und als ich einmal zwinkerte, war er weg. Einfach weg. Wo die beiden eben noch gesessen waren, war nichts. Nur gähnende Leere und eine offene Luke! Mein Gehirn konnte diese Information einfach nicht verarbeiten. Wo war er hin? Mein frisch angetrauter Ehegatte? Ich selbst musste derweil auf den Schoß des Profi-Springers klettern, was mir unangenehm war. Soviel Nähe zu einem mir völlig Unbekannten... Aber es war nötig, damit die beiden Springgurte miteinander verhakt werden konnten. Ungelenk robbten wir zum Ausstieg und ich hing wie frei in der Luft. Ich sah nach unten und erwartete eigentlich, dass mir schwindlig oder schlecht werden würde. Aber nichts dergleichen geschah. Die Felder unter uns waren so weit weg, dass auch die Vorstellung, dass man ungebremst auf harten Boden knallen könnte, unwirklich wirkte. Aber lange konnte ich meinen Gedanken ohnehin nicht nachhängen. Plötzlich wurde mein Kopf nach hinten gedrückt und wir kippten in einem Salto nach vorne zur Tür hinaus. Einfach so, ohne Vorwarnung. Naja, ich hätte mich auch nicht vorgewarnt, nicht, dass ich mich noch im Türrahmen eingespreizt hätte. Und dann? Dann flog ich da so im freien Fall dahin. Mein Kopf war einfach nur leer und frei. Irgendwann in diesen knappen 40 Sekunden klopfte mir der Tandemmaster nur auf die Schulter, dass ich die Arme ausstrecken sollte, was ich ohne Überlegung einfach machte. Es war... unbeschreiblich. Ich hätte in dieser Position auf den Boden aufschlagen können, ich wäre glücklich gestorben. Ich hatte kein flaues Gefühl im Magen, mir war nicht schlecht, ich war einfach nur glücklich und von allem frei. Alle Alltagssorgen blieben hinter mir zurück, als wären diese im Flieger geblieben. Weiter unten sah ich, wie sich ein Fallschirm öffnete. Und kurz darauf spürte ich auch einen Ruck und der Fall wurde abgebremst. Wir gleiteten ruhig durch die Luft und ich konnte die Aussicht bewundern. Der Tandemmaster ließ mich den Fallschirm kurz lenken, was gar nicht so einfach war. Man brauchte ordentlich Kraft, um an den Gurten zu ziehen! Ich sollte die Beine probeweise nach oben nehmen, um für die Landung zu üben. Nach etwa 15 Minuten landeten wir auf der Wiese, von der aus wir gestartet waren. Punktgenau. Wie jeder vor und jeder nach uns. Ich war euphorisch. So sehr ich zuvor Angst gehabt hatte, ich wäre am liebsten sofort wieder in den Flieger eingestiegen. Ich kam aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus - was die übrigen Springer sehr beruhigte. Denn wenn ich Hasenfuß sofort nochmal springen würde, konnte die ganze Sache nicht so schlimm sein.

Was bleibt mir nach den zwei Jahren, die seit dieser Erfahrung vergangen sind? Erstens Stolz, mich nicht gedrückt zu haben und etwas getan zu haben, dass die meisten ihr ganzes Leben nicht tun werden. Zweitens hätte ich gerne auch so eine coole Brille wie der Tandemspringer getragen und nicht dieses modisch fragwürdige Plastikteil, das die ganzen Fotos versaut und drittens der Dank an Waltraud, Christian, Christopher und Tamara, dass sie uns den Sprung ermöglicht haben. Danke!

Dienstag, 9. September 2014

Der 16. Geburtstag

"Nathalie?" Nathalies Mutter spähte zunächst durch den Türspalt in ihr Zimmer, bevor sie ganz eintrat. "Deine Freundinnen sind da. Hübsch siehst du aus!" Das wollte Nathalie auch meinen. Sie trug ein fast knielanges, hautenges rotes Kleid mit beachtlichem Ausschnitt, den sie natürlich mit entsprechenden Dessous besonders betonte. Ihre schokobraunen Locken hatte sie zu einer Steckfrisur hochgenommen und am Hinterkopf fiel ihr die Mähne in einem schwingenden, leichten Zopf wellig bis auf die Schultern. Das Make-Up hatte sie schon seit Wochen mithilfe eine You-Tube-Tutorials immer wieder geübt. Die Mühe hatte sich gelohnt. Sie war geschminkt wie die Stars, die Nathalie aus dem Fernsehen kannte. Das Oberlid trug einen zu ihren Haaren passenden Braunton und lief nach oben hin immer heller aus. Die Lippen waren knallrot - abgestimmt auf das Kleid, das sie im Übrigen noch mit Sicherheitsnadeln etwas kürzen würde, sobald sie aus dem Haus sein würden. Sie wollte ihre langen Beine so gut wie möglich in Szene setzen für diesen Abend. Ihre neuen High Heels standen schon unten an der Treppe bereit. Sie überlegte, ob sie noch schnell ein Selfie auf Facebook einstellen sollte, bevor sie ihre Gäste begrüßte. Auch das hatte sie geübt. Vor dem Spiegel positioniert, Brust raus, Bauch rein, ihre großen Rehaugen weit aufgerissen und zack... fertig.
Als Nathalie die Treppe hinunterging, sangen ihr ihre Freundinnen ein Geburtstagslied. Sie blieb auf dem Treppenabsatz stehen und ließ den Blick über ihre vier Freundinnen schweifen. Laura, Steffi und Jana waren ähnlich wie sie gekleidet. Sie trugen ebenfalls knappe Kleidchen, High Heels und Hochsteckfrisuren. Nur Chrissi war für Nathalies Geschmack etwas zu langweilig. Chrissi trug eine stinknormale schwarze Hose und ein silber glänzendes Tanktop, das mit Pailletten besetzt war. Ihre blonden langen Haare hatte sie recht lieblos zu einem Pferdeschwanz zusammen gebunden und das Make-Up war - naja - 08/15. Bei Weitem nicht so aufwändig wie ihr eigenes. Nathalie hatte Chrissi eigentlich nur auf das Drängen ihrer Mutter eingeladen. Sie würden sich schließlich schon aus dem Kindergarten kennen und Chrissi sei doch so ein freundliches Mädchen. Um den ausnahmsweise aufgehobenen Zapfenstreich nicht zu riskieren, hatte Nathalie Chrissi schließlich zu ihrem 16. Geburtstag eingeladen. Wenn Chrissi nicht wusste, wie man sich richtig aufdonnert und aus ihrem kleinen Kreis herausstechen würde, so war das schließlich nicht Nathalies Schuld. Außerdem würde sie neben der vermeintlich grauen Maus umso mehr erstrahlen. Eigentlich war ein Mauerblümchen in ihrer Gruppe ja gar nicht so verkehrt, dachte Nathalie selbstgefällig bei sich und war durchaus zufrieden mit ihrer Begleitung. Als Jana ihr ein Diadem in die Frisur fummelte und verkündete, dass Nathalie heute die Königin der Nacht sei, strahlte sie von einem Ohr zum anderen. Nathalie liebte es, im Mittelpunkt zu stehen und das würde ihr Abend werden.
Nachdem die Mädchen mit Sekt und Hugo im Esszimmer etwas gefeiert hatten, brachte sie Nathalies Mutter zu der Diskothek im nächsten Ort. Bevor sie jedoch aus dem Auto aussteigen durfte, musste die Truppe jedoch noch ein paar ermahnende Worte von Frau Hafner über sich ergehen lassen: "Also, Mädchen. Wenn ihr nach Hause wollt, ruft ihr bei uns an. Amüsiert euch, aber denkt daran: Schnaps ist tabu! Es kostet uns genug Überwindung, dass ihr heute länger als bis Mitternacht ausgehen dürft. Missbraucht das Vertrauen nicht! Aber genug ernste Worte. Habt Spaß und bleibt brav!" Als Frau Hafner um die Ecke bog, kam erst richtig Leben in die Mädchen. Laura zauberte eine kleine Überraschung aus ihrer großen Handtasche. "So, auf unsere Freiheit erst einmal einen Schnaps!" rief sie aus und reichte eine kleine Packung Klopfer in die Runde. Nur Chrissi zog die Augenbrauen hoch und wollte schon zum Widerspruch ansetzen, aber ein böser Blick von Nathalie ließ sie ihren aufgeklappten Mund wieder zuschnappen. Sie wendete sich jedoch demonstrativ ab und verzichtete. "Kein Problem", kommentierte Laura das Spaßbremsengehabe schnippisch, "bleibt mehr für uns!" Nach dem dritten Schnaps war die Schachtel leer und die Gruppe begab sich zur Kasse des Blue Chips. Da Lady's Night war, interessierte das Alter der fünf Schönheiten keinen Türsteher. Die größte Hürde des Abends war also genommen. Die Mädchen suchten sich einen freien Stehtisch direkt an der Tanzfläche und bestellten sich nochmals Sekt. Sie tanzten, tratschten und tranken und tranken, tratschten und tanzten. "Na, was gibt es denn zu feiern?", raunte Nathalie plötzlich ein gut aussehender Mann ins Ohr. Etwas erschreckt drehte Nathalie sich um, blickte in zwei eisblaue Augen, nahm ein verschmitztes Grübchenlächeln wahr und braune, gestylte Wuschelhaare, in die sie am liebsten sofort hinein gegriffen hätte. Aber Nathalie wäre nicht Nathalie, wenn sie nicht sofort zu ihrer Coolness zurückgefunden hätte. Sie schenkte ihm ihr strahlendes Zahnpastawerbelächeln und verkündete eine Spur zu stolz: "Meinen 16. Geburtstag!" Sein Grinsen wurde breiter und er bestellte zur Feier des Tages eine Runde Tequila, den alle bis auf Chrissi sofort hinunterkippten. Diese stand inzwischen etwas abseits mit einem Glas Wasser und beobachtete nur. Nathalie hingegen vergaß ihre Freundinnen nahezu. Sie war inzwischen etwas beschwipst und ihre Augen leuchteten bei jedem Kompliment ein bisschen mehr. Sie genoss seine Aufmerksamkeit. Ihre Eltern hätten das Leuchten der Sterne geklaut und es ihr in die Augen gelegt, hatte er gesagt. Wie romantisch! Gebannt hing Nathalie an seinen Lippen und bemerkte es kaum, dass er ihr immer näher kam, ihr mit immer neuen Tequila zuprostete und ihren Hals plötzlich mit zärtlichen Küssen bedeckte. Nathalie spähte an seinem Kopf vorbei und versicherte sich bei ihren Freundinnen, welchen grandiosen Fang sie da gemacht hatte. Sie würden platzen vor Neid! Sie legte den Kopf zurück und genoss sein Treiben geradezu willenlos. Nur widerwillig löste sie sich von ihm und torkelte zu den Toiletten. Huch, dass so kleine Tequilas so eine Wirkung haben?! Es war gerade einmal elf Uhr und sie konnte es nicht leugnen, sie war sturzbetrunken. Aber diese Augen! Wer konnte ihnen denn immer weitere Runden Schnaps abschlagen? Außerdem schonte der großzügige Fremde eindeutig ihr Taschengeld.
Als Nathalie aus der Toilettenkabine trat, wäre sie beinahe gegen Chrissi gestoßen, die auf sie gewartet hatte und sie anherrschte: "Was denkst du dir eigentlich dabei? Der Typ ist mindestens doppelt so alt wie du! Außerdem bist du rotzbesoffen!" - "Dasch geeeeehhtt dich üüberhaupt nichts an, du - du - du langweiliches Spaschbremse! Du bischt doch nur neidisch, dass du gaaaar keinen abkrügst!", konnte Nathalie inzwischen nur noch lallen, schubste Chrissi ungelenk zur Seite und stelzte unbeholfen  zurück an ihren Tisch, wo er ganz alleine auf sie wartete. Irgendwo in einer ihrer hintersten Gehirnwindungen fragte sich Nathalie durchaus, wo ihre Freundinnen abgeblieben waren, aber im Grunde war es ihr egal. Konnte sie morgen umso mehr erzählen. So etwas hatten die anderen sicher noch nie erlebt. Sie würden an ihren Lippen kleben und jedes Wort in sich aufsaugen. Wer weiß, wo sie der Abend noch hinführen würde und was sie noch erzählen würde können! "Oh je! Ich glaube, der letzte Tequila war einer zuviel für meine Prinzessin der Nacht. Komm, wir gehen etwas an die frische Luft, das wird dir gut tun!" Er nahm Nathalie an der Hüfte und schob sie zum Ausgang.
Die kühle Nachtluft zog Nathalie endgültig die Beine weg. Ihre Glieder wurden schwer und sie konnte die Augen kaum offen halten. Es zu versuchen, lohnte sich ohnehin nicht. Sie sah alles nur noch unscharf und verschwommen. Er trug sie mehr, als dass er sie stütze und führte sie weg vom Trubel am Eingangsbereich hin zu einer Notausgangstreppe an der Rückseite des Gebäudes und setze Nathalie auf den Stufen ab. Diese vernachlässigte jede Etikette, setzte sich trotz Minikleides breitbeinig hin und legte den Kopf auf die Knie. Er nahm hinter ihr Platz und begann ihren Schulterbereich zu massieren und Nathalie stöhnte auf. Ihr brummte der Schädel. Langsam und unauffällig öffnete er den Reißverschluss ihres Kleides und schob die Träger nach unten. Seine Hände wanderten nach vorne, um Nathalies Busen zu kneten. "Nein..." brachte sie nur mühsam hervor. Das wollte sie sicher nicht. Zum Teufel! Sie kannte doch nicht einmal seinen Namen. Von dem Charmeur war nichts mehr übrig geblieben. Der Glanz in den blauen Augen war verschwunden und sie strahlten nur noch Kälte und Gewalt aus. Nathalie versuchte, ihn von sich zu schieben, aber ihr fehlte die Kraft und die Koordinationsfähigkeit. Ungestüm schob er ihr Kleid höher und fasste Nathalie zwischen die Beine. Sie schlug wild um sich, was ihn wenig beeindruckte. Mit einer Hand hielt er ihre Arme zusammen und bearbeitete sie weiter. "Zier dich nicht so!", schnauzte er Nathalie an, "glaubst du, für den ganzen Schnaps erwarte ich keine Gegenleistung?" Inzwischen war er auf sie geklettert und nestelte an seiner Hose herum. Nathalie verfluchte sich, dass sie den ganzen Alkohol getrunken hatte. Sie konnte sich in keiner Weise wehren. Sie fühlte Panik und Verzweiflung in sich aufsteigen. Tränen liefen ihr über das Gesicht und verwischten das perfekte Make-Up. Sie fragte sich, was er mit ihr machen würde, wenn er fertig war. Erwürgen? Bewusstlos schlagen? Hier hinten würde sie weder jemand hören noch suchen. Sie war diesem Monster völlig ausgeliefert!
Wie aus dem Nichts war sein Druck auf ihr verschwunden und Nathalie blinzelte gegen den Schein einer Taschenlampe. Dunkel nahm sie wahr, wie er auf dem Rücken lag und von einem der Türsteher festgehalten wurde. Benommen registrierte sie, wie ein anderer über sein Headset einen Krankenwagen organisierte und sie dazwischen immer wieder ansprach, ob alles in Ordnung sei. Nathalie konnte nur schlucken, aber nicht antworten. Das muss doch ein schlechter Traum gewesen sein. Gleich würde sie aufwachen. Sicher gleich... Chrissi schob sich mit einer Decke an dem Türsteher vorbei, legte sie Nathalie um und schloss diese fest in die Arme. Wie gut diese Umarmung tat! "Woher wusstest du...?" - "Na, ich konnte dich doch nicht diesem Kerl überlassen. Mir kam der von Anfang an seltsam vor. Also bin ich euch gefolgt." Betreten schaute Chrissi zu Boden. "Ich wäre viel schneller wieder da gewesen, aber ich musste diese zwei Gorillas ja erst einmal überzeugen, dass du in Gefahr bist." Nathalie schmiegte sich an sie und hauchte ein leises Danke in die Kühle der Nacht.

Bildnachweis: FreeImages.com / Ben Parer

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