Sonntag, 14. Dezember 2014

Wenn wir wageln...

Wie man an einigen der letzten Posts unschwer erkennen kann, ist Babys Schlaf heilig. Er sichert das eigene Überleben. Nun sind die Zeiten, in denen Zwergnase bei laufendem Staubsauger oder laufender Dunstabzugshaube eingeschlafen ist, schon längst vorbei. Zwergnase hat ein Gehör wie ein Luchs. Man könnte auch sagen, dass er ziemlich geräuschempfindlich ist. Ein Vorteil davon ist sicherlich, dass sich auch das Gehör der Eltern um ein 1000-faches verbessert. Jede kleinste Störquelle wird wahrgenommen, lässt einem den Atem anhalten und geschockt aufs Babyphon starren, ob der Spross davon wach wird. Manche Geräuschquellen lassen sich vorsorglich ausräumen. Wenn Zwergnase schläft, wird nicht gesaugt, kein Geschirrspüler ausgeräumt oder auch bloß nicht die Wäsche aus der Maschine in den Trockner gesteckt. Vom Zuschnappen des Deckels könnte er ja wach werden. Andere Störungen entziehen sich allerdings dem eigenen Wirkungsbereich. Sirenen von Einsatzfahrzeugen aller Art zum Beispiel. Oder auch rücksichtslose Nachbarn, die sich scheinbar einen Spaß daraus machen, vor dem Schlafzimmerfenster herum zu brüllen. Am Wochenende liegt die Störquelle "Nachbarn" etwa bei 100 Prozent. Da hilft für den notwendigen Nachmittagsschlaf nur eins: Wageln.

Gestern, Samstag, Störfaktoren zu 100% im Haus, also Wagelvorbereitung. Zwergnase bekommt eine kleine Flasche, eine frische Windel, wird schnuckelig warm angezogen (Mami ebenso), wird in den Wagen gelegt (Mami darf nicht), Spuckwindel an die Backe, Hände in den Handschuhen an die Kinderwagenkette und ab die Post. Alle Vorlieben von Zwergnase erfüllt, satt ist er auch. Einem geruhsamen Schlaf steht also nichts mehr im Weg. Los geht's!

Ich gehe unsere Straße entlang, um zu einem kleinen Schotterweg mitten in der Siedlung zu gelangen. Er führt an einem kleinen Bach entlang, der Jahr und Tag beruhigend vor sich hinplätschert. Die hektischen Stadtgeräusche dringen kaum ans Ohr. Ein optimaler Weg für die Einschlafphase: holpriger Weg + monotones, natürliches Geräusch. Es ist geradezu idyllisch... noch idyllischer ist es, die immer kleiner werdenden Augen von Zwergnase zu betrachten und festzustellen, wie er in einen engelsgleichen Schlaf hinübergleitet. Ein schlafendes Kind lässt Mamis Herz immer höher schlagen.

Leider ist meine Idylle nur wenige Hundert Meter lang. Daher geht es weiter Richtung Stadtpark, wo ebenfalls ein kleines Bächlein fließt und es einfach etwas ruhiger ist. Aber nichts ist umsonst. Um in den Park zu gelangen, müssen wir eine kurze Strecke an einer stark befahrenen Straße entlang. Meist ist aber auch das kein Problem. Wenn Zwergnase gerade eingeschlafen ist und nicht gerade ein Krankenwagen vorbei braust oder ein Auto hupt, kommen wir in der Regel ohne Aufwachen im Stadtpark an. Auch gestern läuft alles wie am Schnürchen. Als ich in den Park einbiege, nehme ich auf Zwergnases Gesicht nichts anderes als tiefe Entspannung wahr. Perfekt!

Am Ende des Stadtparks mache ich plötzlich ein Störquelle aus. Leider werde ich sie nicht verhindern können, ich kann nur das Beste hoffen. Vor mir ist eine kleine Familie unterwegs. Die Mutter wagelt einen Buggy, zwei ältere Kinder laufen nebenher, toben herum, machen Quatsch und sind halt etwas lauter (wie es Kinder in dem Alter ja auch sein dürfen!). Dieser Umstand kommt mir zwar nicht gerade gelegen, aber ich finde es dennoch schön, dass es sich um Kinder handelt, die draußen auch noch gut spielen können. Mein Blick geht zwischen Kindern und Zwergnase hin und her. Ich analysiere die Lage. Es sieht eigentlich nicht schlecht aus. Trotz deren Gekreische zeigt er keine Regung. Ach, heute ist einfach der perfekte Wageltag.

Als ich wieder aufschaue, laufen die Kinder quietschend vor Freude über die Wiese zum Bach. Mein Blick eilt ihrem Weg voraus und ich sehe den Grund der Aufregung. Direkt am Bach spielt eine Hundesitterin mit fünf oder sechs Hunden verschiedener Rasse und Größe. Ich denke mir noch, dass ich mit Zwergnase nun freie Bahn hätte, als die Verkettung unglücklicher Umstände plötzlich ganz schnell geht. Kinder quietschen, Hunde erblicken Kinder, Hunde stürmen auf die Kinder zu, Kinder schreien, Kinder laufen davon, Hunde bellend hinterher, Hundesittern schreit ebenfalls, Mutter schreit, Hunde bellen, Kinder schreien... und Zwergnase macht die Augen auf. Elendige, unangeleinte Drecksköter, verdammte! Ich kann es nicht beschönigen. Genau das habe ich mir nämlich gedacht. (Ja, liebe Hundefreunde, mir ist bewusst, dass sich die Kinder falsch verhalten haben.)

Ich schlucke meinen Ärger hinunter, denn er hilft mir auch nicht weiter. Ich wagele schnell über den holprigen Weg davon und hoffe, dass sich Zwergnase nur kurz erschreckt hat und wieder weiterschläft. Die Chancen stehen gut. Tatsächlich werden seine Augen wieder kleiner und er schließt sie ganz. Glück gehabt!, wollte ich schon fast denken, als ein Düsenjet mit einem ohrenbetäubenden Knall die Schallmauer durchbricht. Danke, Frau von der Leyen! Ich hoffe, die Kinder in den Kitas der Bundeswehr haben einen ruhigen Schlaf... Bei uns war es dann auf alle Fälle nichts mehr mit Schlafen...

Bildnachweis: FreeImages.com / Jesper Markward Olsen

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