Freitag, 26. Juni 2015

Im Freibad

Nur langsam bewegt sich die Karawane fort. Ich bin froh, nicht alles alleine tragen zu müssen, sondern einen Packesel an meiner Seite zu haben. Den Wagen über das holprige Gelände zu schieben, ist anstrengend genug. Die Sonne brennt unerbittlich auf unsere Häupter nieder und treibt uns den Schweiß aus jeder Pore. Der Packesel ächzt unter der Last der überdimensionalen Badetasche und der ebenfalls überdimensionalen Kühltasche. Wir sind vorbereitet. Auf jeden Ernstfall.

Die Oase ist wegen der Hitze stark überrannt. Wir quetschen unsere Decke zwischen die vielen anderen, breiten unsere Handtücher großzügig aus und entledigen uns unserer Kleidung. Ein Blick in den Wagen. Er ist weg. Weg! Elegant hat er sich durch den Bügel geschlängelt und ist entfleucht. Voll bekleidet und ohne Sunblocker schert sich Zwergnase nichts um fremde Reviere. Sein Ziel ist anvisiert. Er nicht aufzuhalten. Quer rennt er durch das Wasser, um sich seine Eroberung zu sichern. Einen Gummiball. Denn der, den Papa gerade aufgeblasen hat, ist ja nicht so schön. Voller Stolz kommt er mit dem fremden Ball und völlig durchnässt zurück. Gut, dass es ohnehin so heiß ist. Dass ich ihn aus der Kleidung schäle, kommentiert Zwergnase mit ohrenbetäubenden Gebrüll, zumal Papa den fremden Ball zurückbringt. Dann auch noch eincremen! Wir fallen auf. Wir ernten tödliche Blicke. Wir verziehen uns schnell mit sämtlichem Spielzeug bepackt in den Kinderbereich. Merke: Dein Spielzeug nimmst du für andere Kinder mit, damit dich keiner krumm ansieht, wenn dein Kind mit fremden Spielzeug spielt. Es gilt: Fremdes Spielzeug ist immer besser und bereits der Versuch, es deinem Kind wegzunehmen ist strafbar!

Nach ausgiebigen Geplansche, der Verteidigung fremder Eimerchen und Gießkannen, überfällt Zwergnase ein Bärenhunger. Entschlossen zerrt und zieht er an der Kühltasche. Sie ist bis zum Rand gefüllt, denn wenn Zwergnase Hunger bekommt, bekommt auch Papa Hunger. Das ist Gesetz. Alles muss also doppelt und dreifach vorhanden sein, damit niemand einen qualvollen Hungertod sterben muss. Zwergnase zieht immer noch, weil er vorher noch abgetrocknet wird. Die Tasche hält den frei werdenden Kräften nicht Stand und reißt. Muss man wohl unter Kollateralschaden verbuchen. Zwergnase sucht sich eine Banane aus. Er beißt zweimal ab, dann sieht er einen neuen Ball. Zwergnase jagt den Ball, Mama jagt Zwergnase mit der Banane in der Hand. Wir lernen das ganze Schwimmbad kennen.

Aber irgendwann werden auch die Batterien meines Duracell-Hasen leer. Jetzt bloß nicht im Auto einschlafen! Nach so einem Tag soll Zwergnase doch erst in seinem Bett umfallen. Perfektes Timing ist hier alles, der Grat sehr schmal... und am Ende des Tages fallen auch Mama und Papa einfach nur noch ins Bett. Morgen zieht die Karawane dann weiter...

Dieses kleine Geschichtchen ist Teil der Blogparade "Summer Stories" von Lydia, Claudia, Lisa, Ramona, Sabrina, Tina und mir.





Sonntag, 21. Juni 2015

Klassentreffen


Kritisch betrachte ich mein Spiegelbild. Die Haut könnte reiner sein und das Doppelkinn etwas unauffälliger. Ja, seit dem Abitur habe ich doch etwas zugenommen. Bei genauerer Überlegung stelle ich aber fest, dass es in den zehn Jahren eigentlich nur drei Kilo sind. Gut, dazwischen habe ich viel abgenommen, viel zu genommen und wieder abgenommen. Also eigentlich nicht so schlecht.

Es ist schon seltsam. Eigentlich bin ich doch selbstbewusst. Aber vor dem Klassentreffen fallen mir vor allem meine Unzulänglichkeiten ein und ich habe das Gefühl, mich einem Wettstreit zu stellen, wer in zehn Jahren das meiste erreicht hat.

Als ich dann auf die anderen treffe, verstärkt sich mein ungutes Gefühl. Man habe dieses und jenes studiert und arbeite nun hier und da. Erst später wird mir bewusst, dass ich nur mit einem Ohr zugehört habe. Mit dem Ohr, das all das noch auf der To Do-Liste des Lebens abhaken will. Das alles so perfekt geklungen hat, alles so übermäßig toll. Dabei habe ich sogar einmal selbst gesagt, dass man doch auf die Frage "Wie geht's dir?" ohnehin nur mit Standardsätzen antwortet, weil doch im Grunde gar keiner hören will, wenn es eben nicht läuft. Es entsteht also ganz automatisch eine Stimmung, als würde bei jedem alles bestens sein. Die Vernunft, die auf der Schulter sitzt und mit dem Zeigefinger winkt, dass Schein und Sein nicht identisch sind, wird erfolgreich ignoriert und man fühlt sich klein. Ich fühlte mich klein und unbedeutend.

Als ich jedoch mit einer Freundin darüber rede, fällt mir auf, dass auch mein Leben, das mir ja vor wenigen Stunden noch so mickrig vorkam, bei anderen am Selbstbewusstsein kratzt. Dass in den Augen der anderen der Glanz gefehlt hat, als sie von ihren Erfolgen gesprochen haben. Dass doch ein jeder sein Päckchen zu tragen hat, aber das Päckchen zu solchen Anlässen halt zuhause gelassen wird, fest im Keller verschnürt, wo es keiner sieht.

Bildnachweis: FreeImages.com / Stephanie Snipes

Sonntag, 14. Juni 2015

Frauenrunde

Halb zehn in Deutschland. Erste Pause. Genüsslich packe ich mein Sandwich vom Bäcker aus. Ein Ciabatta-Brötchen mit einem Salatblatt, Schinken und Käse, Gurke und Tomate. Irgendwo zwischen den Lagen wurde das ganze fett mit Remoulade gepolstert. Nach und nach trudeln meine Kolleginnen ein. Ich sehe von einer zur anderen. Vor jeder steht eine große Wasserflasche. Vor jeder steht ein kleines Plastikschüsselchen zu Aufbewahrungszwecken. Inhalt ähnlich. Rohkost-Salate, geschnippeltes Gemüse oder Obst. Wenn man Glück hat, findet sich noch irgendwo ein Becher Naturjoghurt. Aber nur der, der keinen zusätzlichen Zucker hat. Man tauscht sich aus, welcher Joghurt geeignet ist. Es werden die verschiedenen Abnehmstrategien erörtert. Eine Kollegin setzt auf Kohlenhydratverzicht. Erste Erfolge bereits deutlich sichtbar. Ich beiße in mein Sandwich. Die Remoulade tropft wie in Zeitlupe auf den Tisch. Ich hoffe, dass das kleine Platsch nicht zuviel Aufmerksamkeit auf sich zieht. Ich habe ein schlechtes Gewissen. Ich kenne meine Kolleginnen noch nicht so lange, scheine aber hier auf eine Fitness-Crew getroffen zu sein. Mit meinem Sandwich in der Hand und meiner sportlichen Moral eines ausgewachsenen Couch-Potato fühle ich mich unwohl. Ja, ich sollte doch irgendwie mehr für mich tun. Wie die das alle so durchziehen. Während ich nochmal vom Sandwich abbeiße, denke ich über Gruppendynamiken nach. Unauffällig wische ich die Brösel vom Tisch auf und lasse sie samt meiner Bäckertüte im Müll verschwinden. Ich sollte in Zukunft mein Sandwich noch im Auto essen, um hier nicht unangenehm aufzufallen. Sicher ist sicher.

Viertel nach elf in Deutschland. Zweite Pause. Das Wetter ist hervorragend. Richtiges Sommerwetter! Eigentlich könnte ich mir ja dann mal das erste Eisdieleneis des Jahres gönnen, aber ein paar Babypfunde müssten ja auch noch runter... und irgendwie muss man in dieser Frauenrunde ja mithalten. Ich nehme mir vor, mein Schlank-im-Schlaf-Programm wieder durchzuziehen. Jawohl. Nächste Woche habe ich auch ein Plastikschälchen dabei! Plötzlich, völlig unerwartet dringt das Gespräch zu mir durch. Wie jetzt? Es geht um Eisdielen? Spaghetti-Eis? Die Streusel aus weißer Schokolade sind ja das beste? Das Spaghetti-Eis bei soundso sei aber ungenießbar? Wie? Jeden Nachmittag ein Spaghetti-Eis? Beim Griechen letztes mal vollgefressen? Und dann trotzdem noch ein Eis? Ich verstehe die Welt nicht mehr. Und bekomme Hunger auf Spaghetti-Eis. Vielleicht ist das eine besondere Diät? Brigitte oder so? Oder bin ich im falschen Raum? Das sind doch die Kolleginnen von vorher? Oder? Aber ich bin beruhigt. Jetzt kann ich auch mitreden und empfehle gleich mal eine Eisdiele und einen Griechen...

Bildnachweis: FreeImages.com / 78thelemen

Sonntag, 7. Juni 2015

Was der Bauer nicht kennt,...

...frisst er nicht. Seit wir Eltern sind, heißt es nicht mehr "Wo machen wir am Wochenende Party?", sondern alle paar Wochen mal "Wir könnten ja mal wieder Essen gehen." Der Teufel liegt im Detail, denn "Essen gehen" führt bei uns meistens nicht zu einem Erlebnis, das man so schnell nicht mehr vergisst. Denn das Spektrum der Restaurants und Essenskulturen, die wir uns zutrauen, wächst sehr langsam. Man könnte auch sagen gar nicht. Wenn es heißt "Wir könnten ja mal wieder Essen gehen", steht eine handvoll Lokalitäten zur Auswahl. Ich zähle sie mal eben auf. Sie sind wirklich überschaubar. Für jede Nationalität kommt auch nur ein Restaurant in Frage.

  1. Der Italiener
  2. Der Grieche
  3. Der Mexikaner
  4. Der Asiate
Drittens und viertens zählen aber eigentlich nicht . Da gehen wir nur hin, wenn wir ganz verzweifelt sind. Die Liste der "Da könnten wir ja eigentlich auch mal hingehen"-Lokale ist hingegen lang. Aber warum gehen wir nicht hin? Weil der Italiener, der Grieche, der Mexikaner und der Asiate einfach so schön bequem sind.

Wir gehen zum Griechen. Wir kennen die Kellner, wir kennen die Speisekarte. Eigentlich brauchen wir sie gar nicht mehr. Wir nehmen die 56 mit Tsatsiki. Aber mit Reis statt Pommes. Der Kellner bringt die 56 mit Tsatsiki. Mit Reis statt Pommes. Es schmeckt wie immer. Nämlich gut. Uns geht es hinterher auch wie immer. Wir sind völlig überfressen. Was zahlen dasselbe wie immer. Das nennt man doch Verlässlichkeit! Da fühlt man sich wohl.

Von der Bestellung abweichen? Boah. Das ist aber viel verlangt. Was ist, wenn das neue, unbekannte Gericht nicht schmeckt? Es ist ja auch völlig wahrscheinlich, dass Nummer 56 mit Reis statt Pommes das einzige Gericht auf der Karte ist, was die kochen können... Nein, nein, lieber auf Nummer sicher gehen und keine Experimente! Da weiß man, was man hat!

Und doch haben wir es letztes Wochenende gewagt. Wir haben ein "Da könnten wir ja eigentlich auch mal hingehen"-Restaurant besucht. Den Kroaten! Aber die Unsicherheit war groß. Was erwartet uns da eigentlich? Was isst der Kroate denn so? Ist da überhaupt was los oder sitzen wir alleine im Gastraum? Trauen uns kaum was sagen, weil das Personal alles mithören kann? Wir haben bisher nur von einem Paar gehört, dass man dort gut essen könne. Eine Referenz ist ja nun nicht besonders viel... Als wir zwecks einer Reservierung angerufen haben, meinten die, das noch genug frei sei. Hmpf. Eineinhalb Stunden bevor wir kommen wollen? Es Angstzustand zu nennen, ist wirklich übertrieben, aber eine gewisse Unbehaglichkeit gegenüber des völlig Unbekannten stellt sich doch ein...

Als wir das Lokal betreten, fallen wir wider Erwarten nicht tot um. Wir werden freundlich in Empfang genommen und zu einem freien Tisch gebracht. Die Vorhänge sind etwas altbacken, auch die übrige Einrichtung, aber ein topmodernes, frisch renoviertes und hippes Interieur zahlt man ja schließlich immer mit. Die Bedienung ist flott und freundlich und obwohl wir die kroatischen Gerichte nicht aussprechen können, können wir problemlos bestellen, auch wenn es nicht die 56 mit Reis statt Pommes ist. Schnell stellen wir fest, dass das atlbackene Design nicht der Küche entspricht. Auf jeder zweiten Platte, die der Kellner durch die Gegend trägt, tanzen lustige Flammen herum. So eine Show haben wir beim Griechen ja noch nie bekommen. Das Essen kommt schnell und heiß und schmeckt. Jetzt werden wir mutig! Wir bestellen sogar den typisch kroatischen Schnaps. Er schmeckt grauenvoll - aber das tut Ouzo auch. So ehrlich muss ich schon sein.

Als wir völlig zufrieden das Restaurant wieder verlassen, ist unsere Liste um 5. der Kroaten gewachsen. Wir nehmen uns vor, öfter mal was Neues auszuprobieren. Aber zum Kroaten könnten wir ja schon wieder mal gehen. Auch wenn die Gerichte da keine Nummern haben...

Bildnachweis: FreeImages.com / Richard Bennett

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