Sonntag, 19. Juli 2015

Eine griechische Tragödie


Freitag

Gähnende Leere. Der Raum scheint schon vor Wochen oder gar Monaten überstürzt verlassen worden zu sein. Vielleicht Katastrophenalarm? Vielleicht Auslöschung der Menschheit?
Egal, was es war, es muss furchtbar gewesen sein. Rückkehr ausgeschlossen. Keine Notwendigkeit mehr, Ordnung zu schaffen. Die Milch blickt sehnsüchtig gen Kühlschrank. Die rettende Kühle wäre so nah, aber die Milch steckt bis zum Hals am Aufschäumer des Kaffeevollautomaten. Leise und unbemerkt resigniert sie. Man könnte auch sagen, sie stockt. Der Vollautomat hat längst aufgehört seine Kaffeetränen zu weinen. Diese waren zahlreich. Inzwischen sind sie vertrocknet. Nur noch hässliche braune Flecken erinnern an sie. In Spüle und Spüler sind Kaffeetassen und Löffel gefangen. Irgendwer hat ihnen nur noch zugerufen: "Vergammeln sollt ihr in alle Ewigkeit!" So muss die Endzeit, das Ende der Menschheit aussehen.

Montag

Für die Milch kommt jede Hilfe zu spät. Sie wird im Abfluss beerdigt. Macht aber nix, ein neues Opfer ist schnell gefunden. Die Kaffeetassen und Löffel hoffen auf ihre Erlösung, doch sie werden im Fegefeuer gehalten. Nichts passiert. Außer, dass sie immer mehr werden. Der Vollautomat ächzt, stöhnt und pfeift unter der Last neuer Bohnen, die aufgerieben werden wollen. Keiner stört sich am einsetzenden Verwesungsgeruch der bereits zermahlten. Keiner hat einen Blick für ihr Schicksal. Keiner schaut hin.

Aber irgendwann kann die Gemeinschaft der Kaffeegötter die Vorgänge nicht mehr ignorieren. Sie erhebt sich. Stimmen werden laut. Sie fordern ein energisches Eingreifen. Eine Regelung für alle Zeit - ja, für alle Ewigkeit!
Es wird der allmächtige Rat einberufen. Die Voraussetzungen scheinen gut, haben sie doch alle dasselbe Ziel. Doch schnell bricht ein Tumult unter den Kaffeegöttern aus. Sie schreien, den einen treibt es die Zornesröte ins Gesicht, die anderen blicken flehend in den Himmel, können das Ausmaß des Unglücks nicht fassen. Ja, die Demokratie muss als gescheitert angesehen werden. Keiner fühlt sich verpflichtet, sich der Geschicke von Automat  Tasse, Löffel und Milch anzunehmen. Keiner will noch weiter Geld und Zeit investieren. Allgemeine Resignation. Das bringt doch alles nichts! Eine griechische Tragödie.

Und so werden weiter Unmengen von Milch vergammeln, Tassen und Löffeln im Geschirrspüler verrotten und Kaffeevollautomaten mit einem Wert im drei- bis vierstelligen Bereich verkalken, verdrecken und verwesen, weil es erwachsene Menschen nicht schaffen, die Kaffeeküche zu organisieren. Wenn es um Kaffee geht, werden sie zu Tieren, folgen der Darwin'schen Theorie des Rechts der Stärkeren und es ist anscheinend eindeutig ein Zeichen von Schwäche, die Spülmaschine auszuräumen, die Milch in den Kühlschrank zu stellen und den Vollautomaten zu reinigen. 
Ja, so geht's zu in den Kaffeeküchen.

Bildnachweis: FreeImages.com / se hui (shirley) kim

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