Valentinstag

Christian legte Jacke und Schuhe ab und ging ins Wohnzimmer. Schweigend beobachtete er Sybille, wie sie am Boden saß und mit ihren beiden Töchtern spielte. Das Haar, das einst seidig geglänzt hatte und immer sorgfältig frisiert gewesen war, hing ihr strähnig auf die Schultern. Diese wiederum steckten in einer rosafarbenen Nicki-Jacke, passend zu den Schweinchen-Jogginghosen.
Bild: www.pixabay.com / cocoparisienne
Dabei hatte Sybille sich ihre Figur trotz der beiden Schwangerschaften bewahrt, sie war sogar schlanker als vorher. Doch die knallengen Jeans und die eng anliegenden Tops waren spurlos verschwunden. Freilich hatte sie auch schon vorher Gammelklamotten getragen. Aber sogar diese wusste sie mit Stil zu tragen. Als hätte sie seinen Blick gespürt, drehte Sybille sich zu ihm um. „Gut, dass du endlich da bist. Der Müll muss noch raus, im Kleiderschrank ist eine Schraube locker und Leo muss auch noch seine Runde drehen!“ Leo. Leo war eine Ratte. Nein, eigentlich war Leo ein kleiner Terrier, der angeschafft worden war, weil Sybille in einem ihrer schlauen Elternratgeber gelesen hatte, dass Kinder unbedingt mit Tieren aufwachsen sollten. Warum, hatte Christian längst vergessen. Christian nickte nur, ging in die Küche und wollte bei einem Kaffee die Zeitung lesen. „Kannst du die Milch nicht zurück in den Kühlschrank stellen?“ Aus den Augenwinkeln sah er das Schweinchen die Tür auf und wieder zuklappen. Nein, das hatte er jetzt so nicht denken wollen!

Er legte die Zeitung beiseite. „Was hältst du davon, wenn wir die Kinder am Wochenende zu deiner Mutter bringen? Wir nehmen uns drei Tage nur für uns. Berti hat mir von einem tollen Hotel erzählt, in dem er letztens mit seiner Frau beim Wellnessen war.“ Er stand auf, nahm Sybille in den Arm und begann ihren Hals zu küssen. „Ich weiß nicht so recht…“, stammelte sie und versuchte, sich ihm zu entziehen. Er ließ von ihr ab, sah ihr tief in die Augen und sagte: „Überleg es dir, während ich mit dem Köter draußen bin.“

Das Abendessen verlief wie gewöhnlich. Christian kaute gedankenverloren auf einem Stück Fleisch herum, von dem er nicht sagen konnte, was es einmal gewesen war. Lilli und Lara quasselten vor sich hin, übertrumpften sich und fingen dann zu streiten an. Die pädagogischen, aber wirkungslosen Floskeln, die Sybille dazwischen warf, hörte er gar nicht mehr. Er würde ja viel lieber einfach mal auf den Tisch hauen. Er vermisste die Gespräche über die unterschiedlichen Projekte. Sie hatten oft stundenlang verschiedene Möglichkeiten durchgespielt und bei einem Gläschen Rotwein nach Lösungen gesucht. Sybilles Wangen hatten vor Eifer geglüht, sie war ganz bei der Sache gewesen und ihn mit durchdringenden Blick angesehen. Christian hatte es aufgegeben, sie nach ihrer Rückkehr in die Firma zu fragen. Obwohl Lilli nächstes Jahr in die Schule gehen würde und Lara alt genug für den Kindergarten war, wollte Sybille nicht wieder arbeiten.

„Ich werde die Kinder nicht drei Tage abschieben“, erklärte Sybille später im Bett mit säuerlicher Miene und massierte ihre Handcreme mit energischen Bewegungen ein. „Dann gib uns zumindest einen Abend“, versuchte Christian zu verhandeln. „Wir waren schon so lange nicht mehr ungestört…“ Er rutschte näher, legte ihr Buch auf den Nachttisch und begann sie erneut zu küssen. „Es gibt einfach viel zu tun. Weißt du, Lara befindet sich gerade in einer wichtigen Phase der psychologischen Entwicklung und Lilli wird doch bald in die Schule gehen. Meine Güte, diese Umstellung. Hoffentlich kommt sie damit klar…“ Sybille versteifte sich und rückte von Christian ab. „Vergiss doch einen Moment mal die Kinder!“ entgegnete er nun genervt. „Meinst du nicht, du übertreibst es mit deiner Fürsorge etwas?“ Bäm. Da hatte er den Salat. Sie drehte sich weg und machte das Licht aus.


Die folgenden Tage strafte sie ihn mit Schweigen und giftigen Blicken. Wie gut, dass Christian sich in die Arbeit flüchten konnte. Er freute sich auf das Mittagessen mit Mia. Sie arbeiteten gerade an einem gemeinsamen Projekt. Gespräche mit ihr waren so herrlich leicht und wie ihre Wangen glühten, wenn sie so richtig bei der Sache waren...

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