Sonntag, 24. April 2016

Männerabend

"Kann ich so gehen?"
Rita blieb der Mund offen stehen. Ihre haselnussbraunen Augen weiteten sich für den Bruchteil einer Sekunde. Ihr Mann sah umwerfend aus. Schlank und drahtig-muskulös, einen gestylten Kurzhaarschnitt, glatt rasiert. Die Ärmel seines schlichten schwarzen Hemdes hatte er leger bis zu den Ellbogen gekrempelt. Den Saum hatte er in lässig sitzende Jeans gesteckt. Seine blauen Augen glänzten vor Aufregung.

Es war nicht zu übersehen, dass er sich seines Aussehens durchaus bewusst war und sich von Rita sein Kompliment abholen wollte, bevor es mit seinen Jungs auf die Piste ging. Ritas Blick verdusterte sich und sie schnitt das Butterbrot klein, das sie eben für ihren Jüngsten geschmiert hatte. Den ganzen Tag hatte er von nichts anderem als dem monatlichen Männerabend gesprochen. Warum musste er denn so verdammt gut aussehen, wenn er alleine unterwegs war? Und warum war er viel besser gelaunt, als wenn sie etwas zu zweit unternahmen?

Rita schluckte ihre Eifersucht hinunter. "Gut siehst du aus", knirschte sie und zupfte ihm noch ein Fusselchen vom Hemdkragen.
"Hey! Nächstes Mal machen wir wieder etwas zusammen. Versprochen!"
"Ja, ja. Rauch und trink nicht zuviel", ermahnte sie ihn. "Und viel Spaß."
Vor dem Haus hupte ein Auto. Lukas drückte ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange und weg war er. Einfach so. Ritas Herz zog sich kurz schmerzhaft zusammen, ehe ihr älterer Sohn nach einer weiteren Brotscheibe verlangte.

Beim Memory war sie unkonzentriert. Dreimal hintereinander verlor sie. Dann hatte Niklas keine Lust mehr. Seine Mutter war kein Gegner für ihn. Rita fiel es auch nicht auf, dass die Zähne an diesem Abend viel schneller geputzt und die Hände nur halb so sauber waren. Mechanisch sammelte sie die herum liegenden Spielsachen ein. Mechanisch deckte sie die beiden Jungs zu, drückte ihnen ihren Gute-Nacht-Kuss auf und machte das Licht aus.

Als das Wasser in die Badewanne lief, hatte sie das erste Glas Wein bereits geleert. Es hatten sich eine Menge Probepackungen für Cremes und Peelings angesammelt, die sie der Reihe nach ausprobierte. Ihre Finger begannen bereits schrumpelig zu werden. Schweren Herzens ließ sie das Wasser aus und stieg aus der Wanne. Dabei musterte sie sich selbst von Kopf bis Fuß. Ihre Augen waren müde und am Rand begannen sich die ersten Furchen einzugraben. Mit leichtem Druck versuchte sie die unschönen Falten auf der Stirn wegzudrücken. Doch sobald sie los ließ, gingen ihre Augenbrauen kritisch nach oben und die Rillen kehrten zurück. Ihre Brüste waren weich und labbrig. Lustlos ergaben sie sich der Schwerkraft. Gleich der gerissenen Haut am Unterbauch, die sie seit ihren beiden Schwangerschaft am Rücken festtackern müsste, um sie zu straffen. Daran änderten auch die kleinen Fettpölsterchen an der Hüfte nichts, die sich immer schwerer loswerden ließen.

Es war ungerecht! Sie machte Sport, achtete auf ihre Ernährung und war wahrscheinlich fitter als so manche 20-Jährige, aber sie sah völlig fertig aus. Kein Mensch drehte sich mehr nach ihr um. Aber wo auch? Im Supermarkt, während sie Niklas und Dominik domptierte? Oder das ganze Kassenband für den Wocheneinkauf in Beschlag nahm? Statt bewundernder Blicke erntete sie allenfalls Augenrollen, weil sie die Tagesplanung des Kunden hinter ihr um drei Stunden verzögern würde.

Rita begann sich die Haare zu machen. Sie ließ sich Zeit, föhnte die Strähnen eine nach der anderen kunstvoll. Dann legte sie ein Abend-Make-up auf, wie sie es in ihren wilden Zeiten immer geschminkt hatte. Sie stylte und schminkte sich täglich. Schließlich wollte sie nicht nur Mutter sein, sondern auch immer noch Frau bleiben. Doch wem machte sie eigentlich etwas vor? Die Situationen, in denen sie Frau und nicht Mutter war, wurden immer weniger. Als sie fertig war, betrachtete sie kritisch ihr Spiegelbild. Irgendwo musste doch die junge und unbeschwerte Rita noch stecken? Die Rita, die die ganze Nacht Party machen konnte und stets einen coolen Spruch auf den Lippen hatte?

Angewidert tröpfelte sie Lotion auf den Reinigungspad. Sie sah aus wie ein Clown. Zu rote Lippen, zu dunkle Augen. Sorgfältig landete die jugendliche Maske im Abfalleimer. Fast aggressiv massierte Rita stattdessen die Anti-Falten-Creme ein.

Und als Lukas 6 Stunden später mit seiner Fahne und dem Gestank nach Zigaretten unter ihre Decke schlüpfte, ihr einen Schmatzer aufdrückte und ihr "Ich liebe dich" ins Ohr lallte, konnte Rita endlich einschlafen.

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