Dienstag, 24. Mai 2016

Wenn ein Fruchtjoghurt einer zuviel ist

Vor mir steht eine schwarze Plastikschale. Das eine Fach ist mit einer senfgelben Fleisch-Saucen-Mischung gefüllt, das andere mit Basmatireis. "Geben Sie die Schale abgedeckt bei 800 Watt für 4 Minuten in die Mikrowelle" heißt es auf der Pappverpackung meines Chicken Tikka Masala. Ich war gestern zu faul zum Vorkochen. Der Tag war lang und anstrengend und ich hatte einfach keine Lust mehr. Also gibt es heute ein Fertiggericht. Von Aldi. Die 400 Gramm haben ca. 460 Kilokalorien - weniger, als wenn ich selbst koche. Dieses Gericht kaufe ich mir hin und wieder. Die Sauce schmeckt fruchtig lecker, der Reis ist punktgenau gegart.


Und während ich auf das Ping der Mikrowelle warte, denke ich an die Doppelmoral in Abnehmforen. Wenn ich ein Foto meines Mittagessens dort posten würde, wäre der Teufel los. Das ist keine gesunde Ernährung. Das kann man ja alles ganz einfach selbst machen. Dann weiß man wenigstens, was drin ist. Fertiggerichte enthalten zuviel Salz. Zucker. Mir kommt ja nicht einmal ein fertiger Fruchtjoghurt auf den Tisch. Ich rolle mit den Augen, während ich den Inhalt der Schale auf einen Teller kippe und den Reis mit dem Fleisch in der fruchtigen Sauce verrühre. Mich würde keiner fragen, ob ich das jeden Tag esse. Es würde einfach angenommen, dass so meine tägliche Ernährung aussieht.

Ich schaufele die erste Gabel voll und muss plötzlich grinsen. Na klar! Man tritt einer Abnehm-Gruppe bei, weil man sich an Gemüse und unverarbeiteten Lebensmitteln fett gefressen hat. Sicher! Ich schüttele mit dem Kopf. Wie dann immer so getan wird, als hätte man noch nie niemals einen fertigen Fruchtjoghurt im Kühlschrank gehabt oder die Suppe aus der Tüte genommen. Natürlich kann ich mir frisches Obst in den Naturjoghurt schneiden - dauert halt länger. Kann man machen, muss man aber nicht. Für die Kalorienbilanz macht es meist nicht soooo den gravierenden Unterschied.

Und dann werden meine Gedanken gemein. Es stinkt mir, von anderen Leuten wegen eines Fruchtjoghurts angegangen zu werden, die 50 Kilo mehr als ich auf die Waage bringen, die immer noch einen halben Menschen mehr auf den Rippen haben, als ich am Ende der Schwangerschaft wog.
Mich trennt ein mickriges Kilo von meinem Zielgewicht. Und wenn ich zu- und wieder abnehme, spreche ich nicht von 20-30 Kilos, sondern von etwa 5-10 Kilos, bis ich die Notbremse ziehe. Die 10 Kilo wiederum, die mich vom rechnerischen Idealgewicht trennen, esse ich zu gern - und zwar auch von dem gesunden Zeug. Und ja, wenn ich essen dürfte, was ich wollte, wären Chips, Eis, Schokolade und anderer Knabber- und Süßkram unverzichtbar. Selbst während des Abnehmens esse ich jeden Tag etwas Süßes. Wenn du mir zwei Produkte unter die Nase hältst, wähle ich zielsicher das mit der höheren Energiedichte - wenn ich dürfte. Darf ich aber nicht. Und das weiß ich. Zudem überwiegt das Bedürfnis nach einer zumindest durchschnittlichen Figur das Bedürfnis nach Süßigkeiten. Und ja, es bedeutet Disziplin, in Maßen statt in Massen zu naschen.

Und obwohl ich weniger wiege, als andere ihr Zielgewicht ansetzen, muss ich mich wegen eines Fruchtjoghurts anpampen lassen? Ernsthaft? Warum muss man denn von einem Extrem ins andere rutschen? Warum gibt man nicht einfach öfter zu, dass man an manchen Tagen eben weniger motiviert ist als an anderen? Dass es schwer fällt, jetzt nur ein Stück Schokolade zu nehmen statt die ganze Tafel? Dass man sich lieber eine fette Pizza bestellen würde statt den Salat mit Fleischstreifen - und das eben auch hin und wieder macht? Ist das nicht einfach nur ... menschlich?

Ich finde es demotivierend, wenn alle anderen viel mehr Disziplin zu haben scheinen als man selbst. Und es ist ja nicht so! Man sitzt ja wieder nur dem Ausschnitt an Informationen auf, der in die sozialen Netzwerke getragen wird, um sein Image zu pflegen. In dieser Fakewelt, in der jeder versucht, möglichst perfekt zu erscheinen.

Wer sich mit all dem ungesunden Zeug und mangelnder Bewegung auf über 100 Kilo gefressen hat, braucht mir nicht damit zu kommen, dass ihm das ganze Zeug nun auf einmal ja gar nicht mehr schmecken würde. Das ist sich selbst verarschender Bullshit! Und wer mir jetzt hier mit den krankheitsbedingten Übergewichtigen kommt, möge bitte den Absatz nochmal lesen. UM DIE GEHT ES HIER NICHT.

Vieles wäre einfacher, wenn man manchmal etwas ehrlicher wäre. Zu sich und auch zu anderen. Und deshalb habe ich letztens auf dem Frühlingsfest eine ganze Tüte gebrannte Mandeln gefressen, eine halbe Riesenbreze und 150g voll fettigen Emmentaler, nachdem wir zu Mittag gegrillt haben und ich ein Stück Fleisch, zwei Bratwürste, übersüßte Chilisaucen und fettiges Kräuterbaguette verdrückt habe. Dazu gab es Kartoffelsalat, dem Oma mit Sicherheit ein gutes Stück Butter beigemengt hat, damit er noch einen Ticken besser schmeckt. Dazu gab es Biermixgetränke und später noch ein Radler. Dazwischen einen Latte Macchiato und ein Stück Erdbeerkuchen. Und warum das alles? Weil es mir geschmeckt hat. Und nein, ich bin keineswegs überfressen in einer Ecke gelegen. War ja über den ganzen Tag verteilt. Wie viele Kalorien das waren? Dumme Frage! Zu viele natürlich. Wie viele genau, weiß ich nicht. Denn an diesem Tag war es mir egal. Denn auch das gehört zum Abnehmen. Dass man einfach mal über die Stränge schlägt, ohne schlechtes Gewissen und Moralapostel. Die Betonung liegt auf mal. Und dann geht es wieder weiter. Mit allen Höhen und Tiefen.

So. Das musste mal gesagt werden.

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