Sonntag, 19. Juni 2016

Verfolgungswahn

Das Internet ist schon eine tolle Sache. Ganze Revolutionen können organisiert werden, Demonstrationen und Gegendemonstrationen. Nicht auszudenken, wenn da einer allein mit seinem Schildchen stehen würde. Die Menschheitsgeschichte wäre ja ganz anders verlaufen! Aber das Internet bewegt nicht nur die Welt, es erfasst auch so gut wie jede Bewegung. Die eigene beim Sport zum Beispiel, die des Partners bei was auch immer, die der Kinder, wenn sie Blödsinn im Kopf haben oder 100 andere Dinge. Zusammen mit Smartphones und GPRS sind dem Verfolgungswahn keine Grenzen gesetzt - da freut sich der Datenschutz. Das häufigste Stalking-Opfer ist jedoch der Paketbote.



Wissen ist immerhin Macht. Im Zuge der Chancengleichheit wird dir das Wissen um deine Bestellung zur Verfügung gestellt - ob du nun willst oder nicht. Das Machtwort lautet "Sendungsverfolgung".
Seinen Anfang nimmt die Tragödie schon bei der Bestellung. Fast zeitgleich zum Klick auf die "Jetzt kaufen"-Schaltfläche trudelt auch schon die E-Mail mit der Bestellbestätigung ein - das Sicherheitsbedürfnis lehnt sich zufrieden seufzend zurück. Das voll automatische Bestellsystem hat funktioniert. Puh, Glück gehabt. Mit der Versandbestätigung steigt dann der Adrenalinspiegel wieder und das Katz- und Mausspiel beginnt. Die Sendungsnummer eröffnet die Partie, damit du jeden einzelnen zurück gelegten Meter deines Päckchens kontrollieren kannst.

Na gut, das war etwas übertrieben. Dann wäre es ja auch langweilig. Eigentlich weiß man nämlich nur, wann die Sendung dem Paketdienst übergeben wird - je nach Anbieter wird man darüber über eine E-Mail informiert. Dann Warten. "Ihre Bestellung hat unser Verteilungszentrum in Gammelhausen erreicht" heißt es dann in der nächsten E-Mail. In der Regel wird das Paket dann zum jeweiligen Standort befördert, wie eine weitere E-Mail vermuten lässt, bevor es endlich, endlich in ein Auto geworfen wird - so steht das natürlich nicht in der E-Mail, die du hierfür erhältst. Wie gut, dass E-Mails nichts kosten...

Besonders ambitionierte Zustelldienste liefern dir sogar einen Zeitraum, wann der Bote da ist - per E-Mail natürlich. Darin heißt es dann "Ihre Sendung wird zwischen 12.30 und 15.30 Uhr zugestellt!"
Wie schon Konfuzius wusste, ist ein wenig Wissen sehr gefährlich. Dein Blick geht immer wieder zur Uhr. Ah, vor der Tür lässt jemand den Motor laufen, das könnte doch... Ne, das war beim Nachbarn. Sicherheitshalber schaut man mal vor die Tür. Überprüft die Klingel. Alles in Ordnung. 14.00 Uhr. Immer noch kein Paket da. Eigentlich wolltest du ja noch Einkaufen fahren. Hmpf. Hilft nicht. Es ist zu spät, um einen anderen Ablageort über das Online-Formular aufzugeben. Also warten. 15.30 Uhr. Deine Mundwinkel machen denen von Angela Merkel Konkurrenz. Naja, soooo genau kann man es ja auch nicht angeben oder? Was ist schon ein Zeitfenster von drei Stunden. 16.30 Uhr. Ich hänge einen Zettel mit Datum und Unterschrift an die Klingel, wo das Paket abzulegen ist, denn ich muss einkaufen, bevor unsere Abendroutine mit unserem Zwerg zuhause beginnt. 17.30 Uhr. Zurück vom Einkaufen. Der Zettel klebt immer noch an der Klingel. Darunter eine Nachricht des Paketdienstes. Im E-Mail-Postfach eine Nachricht. "Ihre Sendung konnte nicht zugestellt werden." Stattdessen liegt das blöde Teil jetzt in einem Paketshop ohne Parkmöglichkeit, dafür mit Öffnungszeiten, die einem Amt alle Ehre machen.

Sendungsverfolgung? Läuft bei mir.

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