Dienstag, 28. Juni 2016

Wenigstens kaufe ich keine Superfoods

In einer Gesellschaft, die immer fetter wird, boomt die Fitness-Industrie. Dass wir trotzdem nicht schlanker werden, sollte uns eigentlich zu denken geben. Andererseits wäre es auch ganz schön blöd, wenn alle das Schlankgeheimnis kennen würden. Wem soll man denn dann noch was verkaufen?



Denn verkaufen kann man den Gesundheitsfanatikern viel, seitdem Ernährung und Fitness zur neuen Religion erhoben worden sind. Nach dem Motto "Dein Körper ist dein Tempel" kann man diesem natürlich nicht zuviel des Guten tun. Wie gut, dass die Fitnessindustrie für jede Lösung ein Problem hat. Obwohl Natürlichkeit nämlich einen hohen Stellenwert einnimmt, ist sie dennoch nicht gut genug. Würde die innere Natur richtig funktionieren, wäre man schließlich nicht fett und hässlich geworden. Zu harte Wortwahl? Aber genau das gaukelt dir die Werbung vor.

Du bist schwabbelig, du bist zu dick.
Krieg deinen Arsch von der Couch, schwing dich in teure Marken-Joggingschuhe, in die 100-Euro-Funktionshose und das 50-Euro-Funktionsshirt, dein Fitnessarmband erhebt den Zeigefinger und die Kohlenhydrate ergreifen die Flucht. Aktiviere das GPS-Sporttracking und schau dir deine lahme Statistik an! Schäm dich! Du bist deines Körpers nicht würdig! Bring dich in Form und vergiss Chips und Schokolade! Du Weichei!

Zum Glück kann man der Natürlichkeit auf die Sprünge helfen - mit einem Schrittzähler zum Beispiel, der dich von früh bis spät überwacht. O Gott.

Vertraue bloß nicht auf deinen Körper! Der weiß doch gar nicht, was natürlich ist.
Abends totmüde ins Bett zu fallen, reicht schließlich nicht als Indikator, ob man sich ausreichend bewegt hat.

Bei der Ernährung sieht das aber anders aus, möchte man meinen. Wenn man frische Lebensmittel einkauft, sie selbst zubereitet, dann kommt man einer natürlichen Ernährung doch recht nahe, oder? Pah! Das könnte ja jeder! Wo bleibt denn da die Herausforderung? (Hust, du hast keine Ahnung vom Kochen? Schäm dich! Fertigprodukte sind Teufelszeug! Hopp, hopp! Kauf dir mindestens 3 gesunde Kochbücher!)

Normale Lebensmittel kann jeder, der Gesundheitsguru aber nimmt Superfoods!

Superfoods sind Lebensmittel, die dem Körper besonders gut tun oder mit denen man Unmengen an Extra-Fett verbrennt - heißt es zumindest. Sie liefern außerdem besonders viele Vitamine und andere Nährstoffe, ohne die man nur ein Schatten seiner selbst sei - quasi mehr tot als lebendig. Wir Europäer können ja von Glück reden, dass die Welt immer näher zusammenrückt. Dass wir es ohne Quinoa und Chia-Samen aus Südamerika und ohne Matcha-Pulver aus Asien bis ins 21. Jahrhundert geschafft haben, grenzt quasi an ein Wunder. Deshalb müssen wir nun alle Reserven aufkaufen, in kleinen ökobraunen, plastikverstärkten Papiertüten eingeflogen. Natürlich.

Aber ich will niemandem einen Vorwurf machen. Wir alle sind ein Opfer der Werbung und der Gesellschaft. Brauche ich unbedingt die Markenkleidung? Brauche ich das Fitnessarmband, die GPS-gestützte Tracking-App? Brauche ich eine eigene Bibliothek an Kochbüchern? Eigentlich nicht. Aber es motiviert, diese Dinge sind nützlich und

im Zweifelsfall kann man sich immer noch selbst damit bescheißen.

Dazu kommt ein von den Bekleidungsherstellern kreiertes Ideal, dem nur die wenigsten entsprechen. Man will schließlich an den Selbstzweifeln etwas verdienen und je aussichtsloser das Unterfangen, umso besser. Kundenbindung par excellence.

Denn man knechtet auch diejenigen, die es eigentlich nicht nötig haben. 

Immer mehr gesunde Menschen wollen noch gesünder werden und fragen sich, was sie eigentlich noch essen dürfen. Magersucht war gestern, heute gibt es Orthorexie - die krankhafte Angst, das Falsche zu essen.

Ich zähle mich selbst zu den Opfern des Gesundheitswahns. Am oberen Rand des Normalgewichts - mal etwas drüber, mal etwas drunter, halte ich ständig Diät. Zu Neujahr habe ich mich mit allerhand Equipment eingedeckt, passend zum Vorsatz für das Jahr 2016 gab es das ja überall im Angebot. So ein Zufall.
Letztens bin ich dann mal ohne Schrittzähler und Handy losgelaufen, mit meinen guten alten Walking-Stöcken, die ich schon ein halbes Jahrzehnt besitze. Ich hatte keine Stöpseln in den Ohren, ließ mir keine Geschwindigkeit, keine zurückgelegte Strecke oder verbrannte Kalorien ins Ohr säuseln.

Ich fühlte mich so frei wie lange nicht. 

Als ich mir zuhause dann mein Abendessen zubereitet habe und den Inhalt des Kühlschranks inspizierte, dachte ich nur: Wenigstens kaufe ich keine Superfoods.

Literatur:
Glutenfrei in die Hölle
Der Feind in meinem Mund

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