Dienstag, 4. Oktober 2016

Ist Kalorienzählen essgestört?

Wenn wir spontan Gäste haben und ich zum Abendbrot meine Waage auspacke, mag das wahrscheinlich ungemütlich wirken. Vielleicht sogar zwanghaft. Auf alle Fälle aber anscheinend genussfeindlich. Man weiß ja, dass man zuviel isst und dann sitzt die da und rechnet es mir auch noch vor! Und das, was letztendlich auf ihrem Teller landet, ist ja herzlich wenig. Das kann doch nicht gesund sein! Manch einer sagt gar nichts, manch einer vesteckt es hinter Kommentaren wie "Ist das nicht nervig?" oder "Wie? Die Gurke wiegst du auch? Übertreibst du nicht ein wenig?"

Tatsächlich müsste ich die Gurke nicht wiegen. Die paar Scheibchen fallen tatsächlich kaum ins Kalorien-Budget-Gewicht. Die Gurke wird eher aus Gewohnheit gewogen, eben alles abzuwiegen, weil sich sonst mein innerer Schweinehund aus seiner Ecke traut und mir zuflüstert, dass 5 Gummibärchen auch nicht zählen. Doch, tun sie. 5 Stück haben ca. 40 kcal. Wer isst aber schon nur 5 Stück?! Meistens erkläre ich das so. Manchmal murmele ich nur "Gewohnheit..."

Und das ist der Punkt, an dem ich öfter über Essstörungen nachdenke. Magersüchtig bin ich schon allein deshalb nicht, weil ich das Kriterium "Untergewicht" nicht erfülle. Bulimie habe ich auch nicht. Naja, wobei. Alzheimer-Bulimie vielleicht. Ich fresse und vergesse das Kotzen. Und ja, vielleicht bin ich essgestört. Aber nicht, weil ich meine Lebensmittel abwiege und auf ein gesundes (!) Körpergewicht abnehme, sondern weil ich Essen in Phasen, in denen ich zunehme, missbrauche.

Wie lange ich das schon so mache und warum ich das mache, keine Ahnung. Wahrscheinlich gibt es gar kein auslösendes Erlebnis. Vielleicht habe ich mir das im Verlauf der Jahre so angewöhnt, dass Essen nicht nur Nahrungsaufnahme war, sondern auch Belohnung. Und Seelentröster. Und gegen Langeweile hilft. Ich glaube, das sind die drei Hauptpunkte. Ich glaube, ich bin damit nicht allein.

Wahrscheinlich habe ich auch noch Glück, dass ich trotz dieses Verhaltens nie die Schallmauer übertreten habe, sondern immer rechtzeitig die Reißleine gezogen habe. Vielen Dank dafür an die Arschlöcher im Freibad, die mich als fette Sau bezeichnet haben (Die Pommes danach haben hervorragend geschmeckt! Und der größte Trost war, dass derjenige Kerl, der mich so beschimpft hatte, mindestens das Doppelte wog) oder meine Mitschüler in der 8. Klasse im Physikunterricht, die mich dazu aufforderten, doch mal zu zeigen, was Volumen bedeutet, weil ich ja schließlich so voluminös sei. Die Tafel Schokolade daheim hatte kein besonders großes Volumen, ganz nebenbei.

Meine Mutter versuchte mich damit zu trösten, dass ich ja schon immer "gut beieinander" gewesen sei. Trost war es zwar keiner, aber recht hatte sie ja trotzdem. Denn genau das war ich schon immer: moppelig. Irgendwo zwischen oberen Normalbereich und leichtem Übergewicht. Zum Weniger-Essen konnte ich mich dennoch nie durchringen. Beziehungsweise zu wenig Abnehmversuchen. Bei einem war ich relativ jung. Aber der Frust war einfach zu groß, der Familie beim Süßigkeiten essen zuzusehen. Ich habe stattdessen Unmengen von Limo getrunken und sogar weiter zugenommen. Aber auf welches Gewicht, weiß ich nicht mehr. Eigentlich erinnere ich mich auch nur an das Gewicht am Ende der Abschlussfahrt und an das Gewicht ein Jahr später zum Abitur. Oberer Normalbereich oder geringfügig darüber.

An Situationen, in denen meine Figur thematisiert worden ist, erinnere ich mich dagegen zuhauf. Dass wir uns in der Grundschule vor der ganzen Klasse wiegen mussten, als die Gewichte dran waren und ich das dritthöchste Gewicht in der Klasse hatte. Ich habe mich so geschämt! An dumme Sprüche im Freibad, an Hänseleien in der Schule, an gemeine Verkäuferinnen, die mir sagten, dass sie meine Kleidergröße nicht führen würden, an verhasste Shoppingtouren, weil einfach nichts passen wollte in diesen Läden für Teenager. Und an die Fassungslosigkeit, wo denn die einkaufen, die noch dicker waren als ich oder wie sie es verdammt nochmal schafften, die Hosen zuzubekommen, die ihnen ganz offensichtlich eben nicht passten. Denn es war bei Weitem nicht so, dass ich der rollende Fettklops der Schule war. Im Gegenteil. Genau genommen lief ich ja doch irgendwie im Haufen mit, zumindest figurtechnisch.

Und je mehr mir um die Ohren gehauen wurde, umso mehr suchte ich Trost bei meinen Freunden, den Goldbären, der Schokolade und den Chips. Und Nudeln. Meine besten Freunde, die Nudeln. Ach, eigentlich war so ziemlich jedes Essen mein Freund. Was soll ich lange darum herumreden.
Aber genug von der Opfer-Tour. Es ist keiner vor mir gesessen und hat mir das Essen in den Mund geschoben. Das war ich schon selber. Mir haben Handlungsalternativen gefehlt, ja, aber das Essen hat mein "Problem" nur verschlimmert, statt geholfen. Denn so gern ich auch aß, hinterher hatte ich immer ein schlechtes Gewissen.

Essen ändert nichts an einem Problem. Alkohol und Zigaretten übrigens auch nicht. Es ist nur so schön einfach, sich das einzureden. Man "gönnt" sich ja nur was, in dieser beschissenen, unfairen Welt. Doch auch, wenn ich nun versuche, Essen aus den falschen Gründen zu vermeiden, so bleibt doch, dass ich keinerlei Augenmaß für normales Essverhalten habe. Deshalb soll mir Kalorien zählen dabei helfen, zu einer Normalität zu finden. Denn Kalorienzählen kann auch ein Mittel sein, das Gewicht zu halten. Nicht nur zum Abnehmen.

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