Sonntag, 30. Oktober 2016

Morgenroutine

Ich bin ein ausgesprochener Morgenmuffel. Wenn ich mich aus dem Bett quäle, will ich erst einmal meine Ruhe haben. Daran konnte auch Zwergnase nichts ändern. Ich tapse mit fast geschlossenen Augen ins Bad und verziehe das Gesicht, wenn ich das Licht einschalte. In Zeitlupe ziehe ich mich aus und steige in die Dusche. Danach bin ich zwar halbwegs lebendig, aber immer noch nicht ansprechbar. Lediglich das Gute-Laune-Gedudel im Radio ist erträglich. Ich bin froh, wenn ich keine Menschenseele zu Gesicht bekomme. Ich trinke in aller Ruhe und Stille meinen Kaffee. Mann und Kind schlafen noch und erhalten allerhöchstens einen Abschiedskuss, aber nur, wenn ich höre, dass Zwergnase schon schnattert. Mein Idealstart in den Tag.


Doch dann gibt es auch Tage, die laufen ganz anders ab. Nämlich dann, wenn auch mein Mann früh zur Arbeit und Zwergnase in den Kindergarten muss. Dann sitzt mein Morgenmuffel heulend in der Ecke und will sich aufhängen. Es beginnt damit, dass unsere Wecker kurz nacheinander losgehen. Ich bleibe erst einmal liegen und lasse ihn als Erstes ins Bad. Er braucht eh nicht so lange und so sucht er normalerweise das Weite, wenn ich aus der Dusche steige. Was nicht heißt, dass es deswegen entspannter wäre.

Ich liege also mit offenen Augen im Dunkeln und starre an die Decke, die ich nicht sehe. Ich atme tief durch und bereite meinen Morgenmuffel darauf vor, was kommt. Irgendwann schäle ich mich aus dem Bett, schiebe eine Aufbacksemmel für den Zwerg in den Ofen, mache ihm außerdem eine Flasche Milch warm und erledige anderen Krimskrams, bis ich höre, dass mein Mann aus der Dusche steigt.

Als ich die Tür öffne, schalmeit mir schon ein "Guten Morgäääään!" entgegen, denn im Gegensatz zu mir ist mein Mann kein Morgenmuffel, sondern unverschämt gut gelaunt, nachdem er aus der Dusche steigt. Ich brumme irgendetwas zurück, was definitiv ein "Was ist denn los?" zur Folge hat, obwohl wir uns doch schon ein paar Jährchen kennen. Dann ärgere ich mich erst einmal, dass er seine Arbeitsklamotte wieder einmal auf meine gebügelte Bluse geworfen hat, statt sie irgendwo anders bereit zu legen. Platz genug hätten wir ja. Aber ich sage nichts. Ich mahle nur mit den Zähnen. Zu oft haben wir die Diskussion schon geführt und, ach... lassen wir das. Die Dusche entspannt.

Ich spüre das Wasser auf meinem Kopf und lasse es einen Teil der schlechten Laune wegwaschen. Klingt esonarrisch-hyperpsychologisch? Na gut. Ich bin einfach noch zu schlaftrunken und brauche eine Minute, ehe ich zu Shampoo und Duschgel greife. Wobei ich es schon praktisch finde, dass das Wasser in der Duschkabine die meisten Geräusche einfach wegrauscht. Aber heute ist da dieses seltsame Fiepen. Was ist das? Da! Schon wieder. Klingt irgendwie... schief? Bis ich begreife, dass mein Mann versucht, ein Lied im Radio mitzupfeifen. Zu seiner Verteidigung muss ich sagen, dass es mit dem Radio im Ohr wahrscheinlich gar nicht so schlimm klingen würde, aber in der Dusche wird das Radio weggefiltert und mein Morgenmuffel und ich hören nur diese schrecklich grellen Töne, von denen wir wissen, dass sie eine Melodie ergeben sollen, aber wiederum nicht erkennen, welche das sein soll.

Ich atme tief durch. Ich will meinen Morgenmuffel wirklich nicht von der Leine lassen. Er ist unfair. Und verletzend. Es ist grob fahrlässig, ihn frei rumlaufen zu lassen. Ich atme nochmal tief ein. Ich verschlucke mich am Wasser und bekomme einen Hustenanfall.

Als ich aus der Dusche steigen will, stolpere ich über Zwergnase, der auf dem Duschteppich zusammen gekauert seine Flasche trinkt. Mein Mann ist zwar inzwischen verschwunden, aber er hat dafür gesorgt, dass ich noch an ihn denke. Die leeren Geltuben auf der Waschmaschine sollen mir wohl sagen, dass ich neue besorgen soll und das zusammen geknüllte Handtuch weist mich daraufhin, dass ich wieder einmal Wäsche waschen sollte und Aufhängen zum Trocknen sich nicht lohnt. Als ich die Zahnpasta auf die Bürste drücke, zupft es am Bademantel. "Ich will auch Zähneputzen!" Sein Hocker landet auf meinem kleinen Zeh, was nicht weh tut. Was allerdings weh tut, wenn Zwergnase dann auf seinen Hocker springt und mein Zeh ächzend nachgibt. Zwergnase braucht Platz beim Zähneputzen. Und das ist ja sein Waschbecken. "Mama! Geh weg!" Wie gut, dass man sein Kind bei vorbildlichen Verhalten nicht schimpfen will/kann/sollte/etc. Irgendwann hüpft er vom Hocker, mein Zeh dankt es, und ich kann mir die Haare machen. Ohne Brille starre ich mit zusammengekniffenen Augen in den Spiegel und versuche zu Föhnen. Bis mir auffällt, dass es still ist. Zu still.

Tatsächlich ist Zwergnase übereifrig und findet, dass auch die Luftschächte des Trockners Zahnpasta vertragen könnten. Ein kleiner Teil meines Gehirns fragt sich, wie oft er und der Trockner sich die Zahnbürste schon geteilt haben. Es gibt Gebrüll, als ich ihm die Bürste wegnehme.

Während ich mich schminke, räumt Zwergnase den Schrank neu ein. Was natürlich nur funktioniert, wenn man erst einmal alles rausreißt und auf den Boden wirft. Als ich die Küche betrete, möchte ich eigentlich nur noch wieder zurück ins Bett und mir die Decke über den Kopf ziehen. Aus dem Kaffee wird auch nichts, denn auf einmal hat es Zwergnase sehr eilig, in den Kindergarten zu kommen. "Fahren wir?" fragt er mit seinen großen blauen Augen. "Ich trinke noch meinen Kaffee", versuche ich es. "Darf ich mal sehen?" sagt er und fasst nach der Tasse, deren Inhalt sich dann über den Tisch verteilt. Spätestens da heult mein innerlicher Morgenmuffel und gibt auf.

Ein total entspannter Morgen.

Kommentare:

  1. Lol... sehr schön geschrieben, danke! :)

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  2. Ich fühle mit Dir,bin auch ein Morgenmuffel und hab mich in vielen wiedererkannt.Ich habe auch zwei männliche Prachtexemplar die mich nicht verstehen.
    Und täglich Grüsst das MurmelTier!

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