Was die Leute reden

Die Anzeige sprang gerade auf 20:07 Uhr um, als es an der Tür klingelte. Zwergnase, der gerade ins Land der Träume unterwegs gewesen war, riss die Augen wieder auf. "Wer war das? Mama! Ich schau nach!" Ich rollte mit den Augen und ließ ihn aufstehen. Alles andere war sowieso zwecklos. Vor der Tür stand der Nachbar. Kein "Entschuldigen Sie die Störung" oder in der Art. Er fiel sofort mit der Tür inklusive Klingel ins Haus. "Ich hab beim Paketdienst angegeben, dass Sie morgen mein Päckchen annehmen. Ist superwichtig!" Was würde ich dafür geben, wenn Zwergnase jetzt nach dem Zauberwort fragen würde. "Naja," entgegnete ich, "wenn ich daheim bin, kann ich das schon machen." "Ist wirklich sehr dringend. Und so als arbeitslose Mami sind Sie doch sowieso daheim!"
Foto: Karin Futschik
Hat er nicht, gesagt, oder? Nein, ich musste mich verhört haben. Sein Glück, dass Zwergnase gerade die Augen rieb und ich keine Zeit mit unsinnigen Erläuterungen meiner Lebensverhältnisse vergeuden wollte, die den viel beschäftigten Herrn Nachbarn ohnehin nichts angehen. Ist ja nett, welche Rückschlüsse da gezogen werden. "Ja, ja. Falls ich da bin, nehme ich das Päckchen an." Ich würde sowas von nicht daheim sein! Das war ja wohl klar.

Um nicht das Opfer meiner Gutmütigkeit zu werden, war ich am nächsten Tag zur Paketdienstlieferzeit (die kennt man schließlich als gute Hausfrau) bei meiner Mutter und lud die Einzelteile der Wiege in mein Auto. Zuerst bemerkte ich die ältere Dame nicht, die mir dabei zusah. Erst als sie meinte "Mit der Zeit wird es leichter, gell?" blickte ich auf, nickte, lächelte ihr zu und sagte: "Ja, das stimmt. Und jetzt geht es dann erst einmal wieder von vorn los!" Da gefror ihr ihr gutmütiges Lächeln in den Falten fest und sie meinte: "Nein. Sie kriegen schon wieder eins?!" Öhm. Schon wieder? "Ach, ich finde, gute drei Jahre sind doch ein passender Abstand zwischen zwei Kindern!" Ich wollte mal nicht so sein. Schließlich vergeht die Zeit oft schneller als einem lieb ist. Man ist ja selbst oft überrascht, wie schnell die Kinder der anderen groß werden. Doch scheinbar verstand ich irgendetwas furchtbar falsch. Normalerweise folgen Glückwünsche und beim zweiten Kind eher selten die Frage, ob es denn geplant gewesen war. Das Gesicht der Frau wurde jedoch traurig. 

"Ach, mei, Sie haben es wirklich nicht leicht. Und Ihre Eltern erst! Jetzt sind Sie eh mit dem einen Kind allein und dann passiert das sogar noch ein zweites Mal!" Betrübt schüttelte sie den Kopf. Hä? "Wie kommen Sie darauf, dass ich allein bin?" 
"Na, immer wenn ich bei Ihren Eltern vorbeigehe, steht Ihr Auto da! Sie haben doch sonst niemanden!"
Ach, das war interessant. Ich wusste nicht, dass eine Strichliste geführt wurde, wie oft ich meine Eltern besuchte. Noch weniger war mir bekannt, dass der Grund dafür so offensichtlich sein musste. Da wusste die Alte anscheinen mehr als ich! Die Unterhaltung begann mich wirklich zu erheitern.

"Ich bin nicht allein", warf ich ihr als Brocken hin.
"Ach, dann haben Sie jetzt zumindest so einen ... wie sagt man ... Lebenspartner?"
"Sie meinen einen Lebensgefährten?"
"Ja, genau. Was sagt der denn dazu, dass Sie schon ein Kind mitbringen?" Sie legte den Kopf skeptisch schief.
"Eigentlich hat er sich über die Geburt seines ersten Kindes sehr gefreut. Damals. Vor guten drei Jahren."
"Ach? Dann haben die Kinder ja den gleichen Vater?"
"Öhm. Ja?" 
"Früher hätte es das ja nicht gegeben. Solche Kinder in so einer ungesegneten Beziehung zu bekommen." Sie schüttelte abschätzig den Kopf. "Aber heute herrscht ja Sodom und Gomorra!" 
Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Sollte ich sie darauf hinweisen, dass es solche Kinder durchaus schon immer gegeben hatte? Und dass es solche Kinder heute vermutlich viel leichter haben als damals?

Stattdessen entschied ich mich für das "Die Welt ist noch in Ordnung"-Szenario. Nicht, dass mir die arme Frau noch mit einem Herzinfarkt in meine Wiege fällt.
"Mei, das Wichtigste ist doch, dass die Kinder geliebt werden, oder?" (Zustimmendes Nicken und ein tiefer Seufzer.) "Aber mein Mann und ich sind da trotzdem eher traditionell eingestellt. Wir wollten schon erst heiraten, bevor wir mit der Familiengründung beginnen."
"Manchmal kommt es eben anders, nicht wahr?"
"Nein, eigentlich nicht. Wir sind jetzt 5 Jahre verheiratet. Es lief und läuft alles so, wie wir uns das vorgestellt haben."
Es ist faszinierend, einem Menschen dabei zuzusehen, wie Informationen in sein Hirn sickern, die seine bisherige Weltsicht vollends auf den Kopf stellen. Wie jedes einzelne Zahnrädchen im Hirn zu stöhnen und ächzen beginnt, wenn es angeworfen wird.

"Ja, dann herrscht ja hier eh Zucht und Ordnung!" Glückselig watschelte sie von dannen. Und ich ... ich war ein Wunder. Ich konnte die ganze Zeit an zwei Orten gleichzeitig sein. Zumindest, wenn es nach den Nachbarn ginge!

Niederbayerisches Kleinstadtleben. Anno 2017.

Kommentare

  1. Herrlich! Ich lache mich schlapp. Sehr schön und realistisch geschrieben. Ich bin selbst aus der Provinz und erkenne das niederbayersiche Kleinstadtleben anno 2017 sofort wieder. Obwohl ich denke, dass es in anderen Gegenden ähnlich zugeht...

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    1. Hallo Julia!

      Ich danke dir :)
      Ja, die Provinz schlug hier total zu. Ist auch nicht erfunden.

      Lg, Karin

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  2. Ja, das ist vollkommen aus dem Alltag gegriffen.
    Für mich war noch die Steigerung, als unser Vermieter Handwerkern und Postboten sagte, sie sollen immer alle bei uns klingeln, weil ich eh zu Hause sei. Nur weil ich von zu Hause aus arbeite, heißt das nicht, dass ich Portier spielen kann. Zumal ich Shiatsu-Massagen gebe, das kommt nicht so gut permanent den Klienten allein zu lassen und zur Tür zu sprinten. War ich mal nicht zu Hause, wurde ich auch noch angemotzt...

    Liebe Grüße!

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    1. Hallo! Ja, das ist wirklich noch eine Steigerung. Ich hab den Leuten ne zeitlang die Päckchen auch noch nachgetragen. Mache ich auch nicht mehr und für manche nehme ich auch nichts mehr an.

      Bin doch hier nicht der Depp vom Dienst.

      Liebe Grüße

      Karin

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