Sonntag, 31. Mai 2015

Auf dem Arbeitsamt

Was wäre, wenn...? Wer hat sich das nicht schon einmal gefragt? Und manchmal, ja manchmal da brüllt keiner "Wenn der Hund nicht gesch... hätte, hätte er den Hasen erwischt" dazwischen, da kann man dann so ganz einfach dem Spiel nachhängen. Patrick von Living Memory hat sich diese Frage auch gestellt und zu einer netten Blogparade aufgerufen. Deshalb dürft ihr mich jetzt in meinem ganz persönlichen Gedankenspiel "Was wäre, wenn..." begleiten.

Genervt sitze ich in dem kleinen Büro meiner Arbeitsvermittlerin. Ich hasse diese Termine. Über den Rand ihrer Brille geringschätzend hinausblickend fragt sie mich, ob und wie viele Bewerbungen ich denn schon geschrieben hätte. Wieder erkläre ich ihr, dass die Rückmeldungen der rund 70 Schulen entweder ganz ausbleiben oder erst im Juli kommen werden. "Sieht es denn so schlecht aus mit der Warteliste?", fragt sie. Mein Mundwinkel zuckt ob einer sarkastischen Antwort. Ich beschränke mich auf ein schlichtes "Ja!". Sie nickt, hebt den Kopf an, um durch die Brillengläser auf ihrer Nasenspitze sehen zu können und tippt geschäftig in der Jobbörse am PC herum. Sie murmelt noch etwas von "...Lehrer... schwierig..." und fragt, ob ich nicht nochmal studieren wolle. Ja, das wäre was. Aber das Amt übernimmt dafür ja leider nicht die Kosten. Während sie tippt und scrollt, schweifen meine Gedanken in die Vergangenheit. Wenn ich noch einmal studieren könnte...

Vor dem Verwaltungsgebäude der Universität hatte sich eine lange Schlange gebildet, aber ich war früh dran gewesen. Ich hatte mich für den Studiengang "Medien und Kommunikation" eingeschrieben. Ich wusste zwar nicht, in welchem Beruf ich später arbeiten würde - irgendetwas mit Medien - aber das Berufsfeld war ja so vielfältig.

Das Studium raste nur so an mir vorbei und mirnichtsdirnichts hatte ich meinen Master in der Hand. Schon kommenden Monat würde ich in einer großen Firma für die Presseabteilung und das Marketing zu arbeiten anfangen. Mein Freund war nicht so begeistert davon. Ich musste nämlich dafür nach München ziehen, er würde erst einmal zurückbleiben. Aber wir waren uns sicher, dass wir eine Wochenendbeziehung auf Zeit schon verkraften würden.

Die erste Zeit war hart. Mir wurde schnell klar, dass mein Master ohne nennenswerte Berufserfahrung nichts wert war, ich war mehr ein Laufbursche als ein kreativer Kopf. Zusätzlich wurden mir alle Arbeiten aufgebürdet, die sonst keiner machen wollte. Dennoch führte ich sie ohne zu murren alle aus. Wenn ich zuverlässig arbeite, klappt es sicher mit der raschen Karriere. Leider würde ich meinem Freund noch sagen müssen, dass ich die nächsten drei Wochen nicht nach Hause kommen würde. Die Firma veranstaltete eine Gala und die hohen Tiere waren auf zwei weitere eingeladen, da durften wir von der PR natürlich nicht fehlen. Außerdem war es tatsächlich meine erste Gelegenheit, in den interessanten Teil der Arbeit hineinzuschnuppern.

Mein Freund teilte mir am Telefon mit, dass er so nicht mehr weitermachen wolle. Ich sei im letzten halben Jahr nur einmal nach Hause gefahren und er wisse ja gar nicht mehr wie ich aussähe. Und außerdem habe er jemand kennengelernt, dem die Karriere nicht so wichtig sei. Das war's dann also. Ich war zwar in dem Moment sprachlos, aber dann war ich froh, diesen Klotz am Bein, der mir nur jedes Wochenende ein schlechtes Gewissen machte, los zu sein. Nun konnte ich mich ohne Ablenkungen meiner Karriere widmen.

Mein Einsatz zeigte schnell Früchte. Nur wenige Jahre später war ich die stellvertretende Abteilungsleiterin, die wichtigsten Angelegenheiten erledigte ich selbst, niedere Dienste trat ich an den neuen Mitarbeiter ab. Frisch von der Uni, der Gute, kein Plan von gar nichts. Ich hingegen hatte ein Gehalt, das sich sehen lassen konnte, eine schicke Eigentumswohnung, eine Putzfrau und ein schnittiges Auto. Meine Freizeit verbrachte ich im Fitnessstudio oder in Kochkursen, um Männer kennen zu lernen. Mehr als kleine Affären waren jedoch nicht drin, die Männer konnten einfach so schlecht mit erfolgreichen Frauen umgehen. Wenn ich ehrlich zu mir selbst war, musste ich mir eingestehen, dass ich gar nicht an einer längeren Beziehung interessiert war. So eine Beziehung schränkt einen doch nur ein...

Meine Arbeitsvermittlerin räuspert sich und holt mich zurück in die Gegenwart. "Könnten Sie bitte Ihrem Sohn sagen, dass er die Blumenerde im Topf lassen soll?" Zwergnase grinst mich an, wohl wissend, dass er das eigentlich nicht darf und glücklich bis über beide Ohren, dass seine Mama gerade unaufmerksam gewesen ist. Mit voller Liebe in meinem Blick sehe ich ihn an, schadenfroh, dass er der Arbeitsvermittlerin zumindest ein bisschen Arbeit beschert, schüre ich die Vorurteile gegen Lehrer: "Nein, kann ich nicht. Mein Sohn soll sich frei entfalten!" Ich nehme ihre Bewerbungsvorschläge entgegen und verlasse mit Zwergnase an der Hand hoch erhobenen Hauptes den Raum.

Wenn ich damals Medien und Kommunikation studiert hätte, dann, ja dann hätte ich dieses Vergnügen gerade eben nie erlebt!

Anmerkung: Die Geschichte ist ein reines Gedankenkonstrukt und frei erfunden.

Bildnachweis: FreeImages.com / Quim Berenguer

Sonntag, 10. Mai 2015

Bastel, der Barbar

Kennt ihr das? Wenn ihr eine Bastelanleitung erhaltet, euch genau daran haltet und das Ergebnis dann wie gekauft aussieht? - Ich auch nicht.
Ich bin ungeschickt. Meine Fingerfertigkeit entspricht wahrscheinlich der eines Erstklässlers. Naja, gut. Eigentlich liegt sie nur knapp über der von Zwergnase.

Die Eltern-Kind-Gruppe ist daher meine persönliche Hölle, in der Bastel, der Barbar, zum Vorschein kommt. Bastel ist das kleine naive Monsterchen, das mir innewohnt. Man kann ihm nicht vorwerfen, dass er keine Fantasie hätte, er überstürzt losarbeiten würde, nein. Ganz im Gegenteil hat er immer eine ganz tolle Idee im Kopf. Leider ist diese am Endergebnis nicht ersichtlich und im Entstehungsprozess will einfach nichts so klappen, wie es Bastel gezeigt wird.

Die Papierblume zum Muttertag

Die Idee: Wir schneiden Blumen aus Bastelkarton aus und bedrucken diese mit den Fingerabdrücken der Kinder. So "dürfen" die auch mitmachen. Man möchte es nicht glauben, aber schon das Ausschneiden der zwei Blüten bereitet mir Bastel Probleme. Man braucht nur einmal vorzeichnen, wenn man das Papier knickt und beide Blumen gleichzeitig ausschneidet. Dumm nur, wenn ich Bastel das Schneiden beim Knick anfängt, sodass beide Papierbögen dann mit verkrampften Fingern zusammengehalten werden müssen, damit sie nicht verrutschen. Außerdem bin ich ist Bastel echt zu doof, auf der Linie zu schneiden. Nein, er lässt sicherheitshalber immer ein wenig Abstand, nachdem er im Kindergarten mal eine Kartoffel immer kleiner und kleiner ausgeschnitten hat, ohne es zu merken und aus der Kartoffel dann eine Backerbse wurde. Dumm daran ist nur, dass man dann ja immer einen Vorzeichenrand sieht. Die Gruppenleiterin verdreht die Augen ob sowenig Können. Danke auch.

In kleine Schälchen werden kindertaugliche, nicht-chinesisch-giftige Farben gegeben, damit da ja nichts passiert. Die etwa 1-jährigen Kinder sollen jetzt vorsichtig mit einem Finger in das Schälchen tippen und mit Mamas Hilfe die Farbe auf die Papierblume transportieren. Schöne Theorie, mein Kind hat aber leider auch Bastel von mir geerbt. Patsch! Das Händchen in der Schale, die Farbe nicht nur an der Hand, sondern überall. Naja, gut, gibt es halt einen Handabdruck? Findet Zwergnase doof. Er verschmiert das Vielzuviel an Farbe auf der Papierblume. Und auf dem Tisch. Und auf dem Stuhl. Und auf Mamas Hose. Und auf Zwergnases Hose. Er ist eben kreativ... und hat augenscheinlich Spaß dabei. Es gibt weder einen Finger-, noch einen Handabdruck. Wir versuchen das Gepatze mit einer zweiten Farbe zu kaschieren. Man lese dazu noch mal die letzten paar Sätze, selbes Procedere. Die anderen Mamis sind schlauer, sie haben Zwergnase und mir und Bastel zugeschaut. Die Kinder werden von den Farben ferngehalten, die Farbtupfer mit einem Pinsel verteilt. Pfff. Warmduscher! Während die Blüte trocknet, Blütenblätter ausschneiden. Wir brauchen vier. Könnte man ja so machen wie mit den Blüten. Machen wir auch - und schneiden wieder als erstes den Knick durch.

Pause. Die Farbe kriegen wir gar nicht alles ab und sie landet auf Zwergnases Breze. Naja, wird ihn schon nicht umbringen. Er leuchtet zumindest noch nicht im Dunkeln. Danach muss die Blume noch zusammengesetzt werden. Mit Heißkleber werden die Einzelteile an einem Schaschlikspießchen aus Holz befestigt. Mit Heißkleber! Schon mal so ein Teil gesehen? Der wird mit PISTOLEN aufgetragen! Pistolen sind Waffen! Vor allem in meinen Händen. Brandgefährlich, das Ganze! Zumindest für meine Fingerkuppen. Aber das nehm' ich ja gerne in Kauf für selbst gebastelte Blumen, von denen ich nicht weiß, wie ich sie verstecken soll.  Denn das Ergebnis am Ende ist zwar nicht schön, aber selten, wie man eben so sagt. Da freue ich mich ja schon wahnsinnig auf den Briefbeschwerer, den wir für Papa basteln werden... und Bastel, der Barbar, reibt sich schon die Hände.

Samstag, 9. Mai 2015

Die Sache mit den Bienen und Blüten

Bildquelle: www.tier-fotos.eu
Ich weiß nicht mehr, wann und wer mir die Sache mit den Bienen und Blüten erklärt hat. Aber wenn man es genau nimmt, ist diese Kinderaufklärung eigentlich gar nichts für schwache Nerven. Hallo? Ich meine, die Blüte steht da recht hilflos herum, zuweilen sogar am Straßenrand, und muss sich sozusagen ungefragt von den Bienen bespringen lassen. Man lese genau: Nicht von einer Biene, der die Blume nach einer intensiven Kennenlernphase die Erlaubnis erteilt hat. Nein, von Bienen! Wahllos und zahllos! Die arme Blüte hat überhaupt gar keine Wahl! Es handelt sich sozusagen um Vergewaltigung am laufenden Band und niemand geht dagegen vor. Im Gegenteil. Die dreisten Vergewaltiger werden auch noch unterstützt und gefördert, wo es nur geht. Schützen müsse man sie, weil sie immer mehr verschwinden und gefährdet sind. Unser Nachbar hat jüngst sogar eine Sammelstation für 5000 Bienen eingerichtet, in der sie ihre nächsten Übergriffe planen können. Soweit mir zugetragen wurde, sollten die Ziele vor allem Obstbäume betreffen.

Aber jede Geschichte hat ja zwei Seiten. Bevor man Blüten jeglicher Art in eine Opferrolle zwängt, muss auch deren Verhalten analysiert werden. Ich muss sagen, mein anfängliches Mitgefühl und meine Betroffenheit haben sich schnell ins Gegenteil verkehrt. Da stehen sie da, diese harmlos tuenden Blüten, verströmen einen unwiderstehlichen Duft und kokettieren mit dick geschminkten Blättern, die sie so einfach rumhängen lassen, damit wirklich jeder sie sieht. Sie schreien ja förmlich "Nimm mich!" Aber dem nicht genug! Sie drängen sich ihrer Umwelt ja ungefragt auf. Kein Fünkchen Privatsphäre respektieren sie, sodass es dem Allergiker vor Wut schon die Tränen in die Augen treibt. Rücksichtslos und ungehemmt verteilen sie ihren Blütenstaub in alle Windrichtungen. In jede Ritze dringt er ein und setzt sich fest, in der Hoffnung, noch irgendwo ein Single-Blütchen zu finden. Dann tut er noch so, der Blütenstaub, als wäre er pures Gold! Wenn ich es barock haben hätte wollen, dann würde ich in einer Kirche wohnen, verdammt! Es ist keineswegs nötig, meinen Balkon, meine Gartenmöbel, meine Fensterbänke, meine Regale, meine Anrichte, meinen Esstisch, meine Stühle, meine Bettwäsche, meine Handtücher und was weiß ich noch alles, zu vergolden! Aber man wird ja nicht um Erlaubnis gebeten von diesem Pack. Mit dem Gartenschlauch kann man zwar versuchen, sich der Avancen zu erwehren, aber das interessiert dieses läufige Gesindel ja nicht! Kaum steckt man den Schlauch weg, kommt es schon wieder angetrabt und schmiegt sich anbiedernd an alles, was nicht bei drei... die Fenster geschlossen hat.

Hach, und da sollen einem die Blüten noch leid tun? Die haben es nicht anders gewollt! Geben sich so einfach ihrer Natur hin. Das geht doch nicht! Schickt ihnen Bienen, die es ihnen mal so richtig besorgen, dann haben meine Gartenmöbel vielleicht Ruhe!