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Wie man seine innere Uhr richtig einstellt

Mit aufgerissenen Augen liege ich im Bett und starre an die Decke. Spinnweben wiegen sich sanft im Luftzug. Ich sehe sie nicht, aber ich weiß, dass sie da sind. Heute Nachmittag werde ich vergessen haben, dass ich Decke und Wände absaugen wollte. Der Himmel färbt sich bereits rosa. Ich wälze mich zur Seite, mein Blick fällt auf die Uhr. Ich drücke mich in mein Kissen. Mit einem Lächeln auf den Lippen schließe ich die Augen und segle zurück ins Land der Träume. Das werden die besten 30 Minuten meines Tages sein. Wer und was schreit denn hier so? Hilfe! Polizei! Mord und Totschlag! Doch es ist nur der Handywecker, der langsam anschwellendes Vogelgezwitscher abspielt und mich zu Tode erschreckt. Das Herz pocht in meiner Brust, ich weiß nicht mehr, ob ich Männlein, Weiblein oder ein Waschbär bin. Bleiern drücken sich meine Glieder in die Matratze. Jede einzelne Feder schmiegt sich wie eine Katze an meinen Körper und haucht mir ins Ohr: “Nur noch 5 Minuten!” Jetzt die Augen schließen, ohne ...
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Ein unbeschreibliches Event

Ich gehöre zur Spezies der Stubenhocker. Nur ein Tag ohne Termin ist ein guter Tag. Aber einen Künstler live auf der Bühne zu erleben, ist mit einer Show im Fernsehen oder einem Reel auf Instagram nicht zu vergleichen. Deshalb trauen wir uns hinaus in die Welt und hinein in die Stadthalle. Das ganze Drumherum ist einfach unbeschreiblich. Schon vor der Show flirrt die Anspannung durch die Luft, als wir mit fünfzig anderen Autos an einem Stockcar-Rennen um den letzten Parkplatz teilnehmen. Am Eingang hingegen werden wir ausgebremst. Wir schieben uns in der Geschwindigkeit eines Gletschers in das Foyer. “Da musst du durch!", sagt der Ticketabreißer. "Wir haben schließlich dafür bezahlt!”, sagt der Göttergatte. Als die Künstlerin die Bühne betritt, erinnert sie mich an die Alpen. Bei Föhn vom Bayerischen Wald aus gesehen. Du weißt, dass sie es sein muss, aber so ganz sicher bist du dir nicht. Ich sehe nicht alles, dafür höre ich weniger, denn leider wurde die Stadthalle doppelt g...

Um Himmels willen

Kennt ihr noch Kettenbriefe? Das Schneeballsystem der aller ersten Stunde. Du wirst unendliches Glück und Wohlstand erreichen, aber nur, wenn du diesen Brief an fünf Idioten wie dich weiterleitest, die zwischen "So ein Schmarrn!" und "Ich stürze mich ins Unglück, wenn ich diese universelle Bedrohung nicht weiterleite!" schwanken. Aus Tradition kennt sich eine Institution besonders mit Endzeitszenarien aus. Sie bietet das volle Programm mit sieben Plagen, Weltuntergang und darüberhinaus ewiger Verdammnis in überhitztem Klima. Die CO²-Bilanz möchte ich nicht sehen. Irgendwie verhält es sich wie mit den Kettenbriefen. Du kannst das Ganze als Unfug abtun, aber bist du dir wirklich sicher? Wer weiß, vielleicht ist doch etwas dran? Ein bisschen erstaunt war ich schon, als mich ein Kettenbrief von höchster Instanz erreichte. Er verspricht Glück für sich und die ganze Familie. Wenn... Ja, jetzt kommt's, oder? Wehe, du wagst es, dich nicht an die Anleitung zu halten, was...

Der Sonnengruß

Habt ihr es bemerkt? Die Tage werden wieder länger. Und als würde sich auch die Sonne darüber freuen, lässt sie sich wieder öfter blicken. Sie strahlt vom eisblauen Himmel und kitzelt einem die Nasenspitze.  Man ist einfach ein ganz anderer Mensch, wenn die Sonne scheint. Ich, zum Beispiel, werde furchtbar aggressiv.  Wenn ich in die Küche komme, kneife ich schon die Augen zusammen.  Wenn ich aus dem Fenster schaue, wird mir schlecht, meine Kehle ist wie zugeschnürt und das Schlucken fällt mir schwer.  Erinnerungen an den Physikunterricht werden wach. Erst jetzt verstehe ich, was es bedeutet, dass das Licht auch Teilchencharakter habe. Die tiefstehende Sonne materialisiert erbarmungslos Teilchen auf Fensterscheiben, Küchenfronten, Esstisch und Fußboden.  Der Göttergatte behauptet, dass sei Staub, aber das kann ja gar nicht sein.  Ich schwöre, dass die Teilchen nur da sind, wenn die Sonne scheint. Der Göttergatte war nicht überzeugt, aber ich habe es ihm bew...

Oh, du Fröhliche

Endlich Weihnachtsferien. Die verbleibenden Tage bis  zum Heiligabend sind immer besonders besinnlich. Die Kinder fetzen wie die Eichhörnchen durch die Wohnung und verteilen ihr Gerümpel überall. Der Göttergatte hört die Englein singen, wenn die herum liegenden Kleinteile sich in seine Fußsohlen bohren und trällert aus voller Kehle ein "Morgen, Kinder, wird's was geben!" In meinen Ohren kling-Glöckchen-klingelingt es schrill, als ich Fingerspuren auf dem frisch geputzten Spiegel entdecke. Ich packe die Autoschlüssel, bin auf der Suche nach der himmlischen Ruh. Ich brauche frische Luft, den Duft von Tannenbäumen. Ich setze den Blinker und mein Ziel ergibt sich von selbst.  Die Hände habe ich in die Jackentaschen gesteckt, mein Atem produziert kleine Kondenswölkchen. Meine Nase ist von der Kälte ganz rot, als ich an den Tannen und Fichten vorbeischreite. Der Christbaumverkauf auf dem Parkplatz des Möbelhauses nimmt ganz schön viel Platz ein, sodass ich ziemlich weit hinten ...

Das Christkind hat einen Wunsch

Das Glöckchen über der Tür bimmelte, als das Christkind das Postamt in Himmelstadt betrat. Es grüßte den Postmeister freundlich.  In der Ecke sah es schon die vielen großen Säcke mit den Briefen der Kinder stehen. Das Christkind winkte ein paar seiner Engel herein, die ihm beim Tragen helfen sollten. »Nein, nein!«, rief der Postmeister. »Das sind die Briefe für den Weihnachtsmann!«  Der Postmeister bückte sich hinter den Tresen des Postschalters und murmelte vor sich hin. Er schob Schachteln von links nach rechts und wieder zurück, dann raschelte es ein wenig. Da tauchte der rote Kopf des Postmeisters über dem Tresen auf. Er drückte dem Christkind einen Karton so groß wie eine Schuhschachtel in die Hand. »Das sind deine.« »So wenig?« Das Christkind ließ seine Flügel hängen. Der Postmeister rückte seine Brille zurecht und zuckte entschuldigend mit den Schultern. »Tut mir leid, liebes Christkind. Das sind alle Briefe dieses Jahr.« Das Christkind war enttäuscht. Für das Christkin...

s'Haus verliert nix

Schneefall im November? Das glaub ich erst, wenn ich es sehe! Am Donnerstag habe ich dann einen Termin beim Augenarzt wegen undefinierbarer weißer Griesel in meinem Sichtfeld vereinbart. Schnee? Das konnte doch gar nicht sein! Die Augen der Kinder leuchteten hingegen heller als Taschenlampen. Wo waren also Handschuhe und Wollmützen? Um 6.50 Uhr zog ich die Schublade des Garderobenschranks auf. Ich stellte folgenden Bestand an Mützen fest: drei blaue (1860), eine blau-rote (DSC), zwei rote (SV Deggenau), zwei pinke (braucht man immer) und fünf schwarze (Universalfarbe für alle Vereine). Doch mit einem Blick bemerkte ich, dass von unseren zwanzig Mützen eine schwarze (vereinslos) fehlte. "Als ich vom Eislaufen heimkam, hatte ich sie noch!" Zwergnase zuckte mit den Schultern und griff nach einer anderen. "Dann muss sie doch irgendwo sein!" Wer weiß, was der armen Mütze in einer dunklen Ecke unserer Wohnung zustoßen könnte. Nicht auszudenken! Gefräßige Wollmäuse lauern ...