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Posts mit dem Label "Kurzgeschichten" werden angezeigt.

Rotweinflecken

V or Helene lag eine Zigarette im Aschenbecher und qualmte. Sie nahm sie umständlich zwischen Zeige- und Mittelfinger und zitterte damit zum Mund. Sie inhalierte zu schnell einen tiefen, langen Zug. Beim Ausatmen vermischte sich ihr Schluchzen mit einem Husten. Fünf Jahre hatte sie nicht mehr geraucht. Sie drückte die nicht halb gerauchte Zigarette mit fahrigen Bewegungen aus. Dabei brach sie in der Mitte auseinander. Mit dem Handrücken verwischte sie ihren Kajal. Sie schenkte sich Rotwein nach. Sie hatte keine Ahnung von Wein. Es war eine billige Flasche vom Discounter. Sie leerte den Zahnputzbecher in einem Zug. Dann warf Helene ihn an die Wand. Reste des Weins rannen die weiße Wand hinunter. Die Flecken würden ewig halten. Helene sah es nicht. Sie hatte den Kopf auf die Arme gelegt und schluchzte in die Platte des Campingtisches, bis keine Tränen mehr kamen.  Sie setzte die Flasche an die Lippen und trank in großen Schlucken. Es war die dritte heute, doch der Schmerz bli...

Der dritte Stock

D er Kühlschrank war leer. Das Brot war hart. Gab es denn nichts Essbares mehr in dieser Wohnung? Nein. Harald blieb nichts anderes übrig. Er musste einkaufen gehen. Das war angesichts seines Alters gar nicht so leicht. Beim Treppensteigen schmerzten ihn die Knie, die Bushaltestelle war so weit weg wie der Mond. Er vermisste die kleinen Tante-Emma-Läden. Man brauchte sich überhaupt keine Gedanken machen, welche Marke man nahm. Es gab sowieso nur eine. Da war man mit dem Einkauf noch schnell fertig gewesen! Heute musste er durch endlos lange Gänge humpeln, musste sich nach den bezahlbaren Artikeln strecken oder Bücken, sodass seine Bandscheiben Tango tanzten. Missmutig öffnete er seine Tür. Drei Stockwerke musste er seinen Knien nun zumuten. Der Vermieter hätte ihm einen Treppenlift eingebaut. Aber da war Harald noch rüstig gewesen! Ohne Stock und Rentner-Mercedes. "Eine Unverschämtheit!", hatte er den Vermieter angebrüllt und ihm die Tür vor der Nase zugeschlagen. Dass...

Valentinstag

C hristian legte Jacke und Schuhe ab und ging ins Wohnzimmer. Schweigend beobachtete er Sybille, wie sie am Boden saß und mit ihren beiden Töchtern spielte. Das Haar, das einst seidig geglänzt hatte und immer sorgfältig frisiert gewesen war, hing ihr strähnig auf die Schultern. Diese wiederum steckten in einer rosafarbenen Nicki-Jacke, passend zu den Schweinchen-Jogginghosen. Dabei hatte Sybille sich ihre Figur trotz der beiden Schwangerschaften bewahrt, sie war sogar schlanker als vorher. Doch die knallengen Jeans und die eng anliegenden Tops waren spurlos verschwunden. Freilich hatte sie auch schon vorher Gammelklamotten getragen. Aber sogar diese wusste sie mit Stil zu tragen. Als hätte sie seinen Blick gespürt, drehte Sybille sich zu ihm um. „Gut, dass du endlich da bist. Der Müll muss noch raus, im Kleiderschrank ist eine Schraube locker und Leo muss auch noch seine Runde drehen!“ Leo. Leo war eine Ratte. Nein, eigentlich war Leo ein kleiner Terrier, der angeschafft worden wa...

Neustart

E ine kleine Schneeflocke verfing sich in Luises Wimpern. Als diese blinzelte, rieselte der Eisstern tiefer auf die von der Kälte geröteten Wangen, um sich dort im Salz der Tränen aufzulösen und nur das Gefühl eines eisigen Kusses zu hinterlassen. Luise stand etwas abseits von der Clique und umklammerte ihr Sektglas mit steifen Fingern. Eilig nippte sie daran, damit es niemandem auffiel, wie schwer sie schluckte. Silvester. Jedes Jahr dasselbe. Seit ihrer Jugend trifft sich die Clique an diesem einen Tag. Früher stand eine fette Party mit reichlich Alkohol im Vordergrund. Doch in den letzten Jahren waren sie allesamt ruhiger geworden. Sie blieben nun zuhause, der Gastgeber wechselte. Silvester war zu einem Wettbewerb geworden, wer im vergangenen Jahr das meiste erreicht hatte oder im neuen die besten Aussichten hatte. Luise war froh, das Raclette hinter sich zu haben. Marlene und Martin hatten sich an Heilig Abend verlobt und würden im kommenden Sommer heiraten. In DER Lo...

Der Superheld

M it müden Augen schlurfte Karl zum Briefkasten. Nachlässig fiel sein Bademantel von den hängenden Schultern, der lauwarme Kaffee blieb am Dreitagebart kleben. Als er die Zeitung aufschlug, verschluckte er sich. Es folgte ein ein erstickungsähnlicher Hustenanfall, der jedem Kettenraucher zur Ehre gereicht hätte. Karl fing sich wieder, wischte den verschütteten Kaffee auf und goss sich neuen ein. Wo soll das alles nur hinführen? Schon wieder brennt es an allen Ecken und Enden und er allein soll die Welt retten. Er hatte einfach keine Lust mehr. Der korrekte Karl hatte einfach keine Kraft mehr. Zu neudeutsch nannte man das wahrscheinlich Burn-Out. Aber es half nichts. Schließlich war es sein Job! Bevor er sein E-Mail-Postfach öffnete, klickte er sich durch Ziele für Pauschalurlaubsreisen. Einfach mal die Seele baumeln lassen und der Welt den Rücken kehren. Die Karibik wäre doch schön... aber sofort rief eine kleine Stimme in seinem Kopf, dass er mit dem langen Flug erstens die Luft ...

Reisefieber

Die Schwüle drückte sich unerbittlich auf die Dreiflüssestadt nieder. Die Straßen waren leer gefegt. Die Hitze saugte aus jeder Pore des Körpers den letzten Schweißtropfen heraus. Ventilatoren liefen auf Hochtouren, nur um die schon viel zu warme Luft von einer Zimmerecke in die andere zu blasen. Der Luftzug verschaffte keine Abkühlung mehr.  Elisabeth starrte durch die geöffneten Fenster des Seminarraums hinaus auf den türkisgrünen Inn. Die karibische Färbung des Flusses, die unerträgliche Hitze und das monotone Geschwafel des Dozenten ließen sie träumen. Nur am Rande nahm sie die Freude des Dozenten über das Wetter wahr. Als sei es seinen wettergöttlichen Fähigkeiten zu verdanken, dass die Hitzewelle gerade dann Deutschland überrollt, wenn er mit seinen Studentinnen über Thomas Manns "Tod in Venedig" fachsimpelte. Sie hatten sich im Verlauf des Semesters mit verschiedenen Lektüren zum Thema Auszeit zur Normalität beschäftigt. Genau das war es, was sie nicht mehr...

Der Blumenstrauß

A nke sah aus dem Fenster. Die Aussicht war nicht berauschend. Neben der Autobahn reihte sich ein Acker an den nächsten. Die Ernte war schon vorüber, zurück blieb die bloße Erde, die nur noch auf den Winter wartete. Kalt und leer und ohne Leben. Ihr Mann Christoph saß am Steuer und schien von der ganzen Atmosphäre und vor allen Dingen von ihrer Stimmung nichts mitzukriegen. Es war ja auch erst Oktober. Die Bäume zeigten ihr ganzes prächtiges Farbenspiel, als feierten sie die letzte große Party vor ihrem Winterschlaf. Christoph war tatsächlich in Partystimmung. Was sie danach erwartete, interessierte ihn nicht. "...und am Samstag die Party noch von Stefan! Das wird ein Spaß, sag ich dir. Wir können zu Fuß gehen und beide so richtig feiern! Das tut uns bestimmt gut. Deine Mutter nimmt doch Daniel, oder?" - "Was? Oh... ja, sicher kann Daniel dort übernachten." Anke stierte weiter aus dem Fenster und zog die Augenbrauen zusammen. Ihr war schlecht. Kotzübel. Ein schw...