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Mensch, ärgere dich nicht!


Goldlöckchen lässt die Augenbrauen hüpfen und zieht ein Brettspiel aus dem Schrank. „Bereit für eine Partie Mensch, ärgere dich nicht?“
Mein Kopfkino zeigt einen Katastrophenfilm. Ein Tornado fegt über das Brett, Menschen fliegen durch die Luft und am Ende erledigt ein Tsunami aus Tränen den Rest.
Ich schlucke. „Super Idee!“

Während die Kinder sich um die Farben prügeln, bereite ich ihre Niederlage vor:
„Denkt daran, der Würfel entscheidet nicht über euer Schicksal, ihr seid schließlich nicht Julius Cäsar. Wenn ihr von hinten erdolcht werdet, macht das nichts. Ihr startet einfach neu.“
„Spawnen. Mama, wir spawnen. Wie in Minecraft!“ Äh, ja genau.

Lasst die Spiele beginnen. Zwergnase setzt ein und zieht voran, Goldlöckchen hat beim zweiten Wurf direkt eine Sechs, nochmal eine und aller guten Dinge sind drei. „Achtung, jetzt komme ich!“ Ich würfele. Eine Drei. Ok. Eine Eins. Ganz knapp daneben. Aber der dritte Wurf... ist eine Fünf. Goldlöckchen greift nach dem Würfel und dreht ihn. „Also die Sechs ist schon noch drauf, Mama.“ Haha, wie witzig.

Zwergnase setzt erneut ein, Goldlöckchen reiht alle Figuren wie an einer Perlenkette auf. Ich puste auf den Würfel. "Jetzt aber!" Was soll ich sagen, der Würfel ist gefallen. Auch in dieser Runde bleiben meine Figuren zu Hause. "Sag doch einfach, wenn du nicht mitspielen willst!", neckt mich Zwergnase, während er davon zieht. "Ich gehe halt nicht gern vor die Tür?" Goldlöckchen legt tröstend ihre Hand auf meinen Arm.

Mit einer Zwei, einer Drei und einer Eins hätte ich zumindest die richtige Gesamtpunktzahl. Ich trommle mit den Fingernägeln auf der Tischplatte. Die Kinder lassen sich von meiner neuen Regel nicht überzeugen. Seit wann haben wir hier eigentlich eine Demokratie? Lästiges Fußvolk.
Goldlöckchen kommt auf meinem Startpunkt zum Stehen. Zwergnase lacht. „Keine Angst. Sechs hat Mama sowieso nicht!“ Na warte, das bekommt er zurück!

Goldlöckchen würfelt. „Du kannst Zwergnase werfen, da schau!“ Ich zeige auf das Brett.
Sie schaut mich mit großen Augen an. „Ich will ihn aber nicht werfen, er ist doch mein Bruder!“ Zwergnase fährt seine Figur lachend nach Hause.

Endlich kann ich einsetzen. „Jetzt geht es aber los hier!“ und rücke sage und schreibe ein Feld vor. Ich blähe die Backen und lasse die Luft langsam entweichen.
In der nächsten Runde könnte Goldlöckchen die letzte Figur von Zwergnase vom Brett fegen. Stattdessen verfrachtet sie meine nach Hause. Ich verschränke die Arme vor der Brust.
„Wieso wirfst du ihn nicht, aber mich?“ Die schmerzvolle Stunde der Geburt, die zahlreichen schlaflosen Nächte und dann das? Nicht ihr Ernst!

Wenn ich eine Vier würfle, kann ich Zwergnase noch aufhalten. Eine Fünf. Ich stelle meine Figur vor ihm ab. Meine Kopfhaut kribbelt. „Keine Eins!“ Ich knirsche mit den Zähnen.
„Was möchtest du? Eine Eins? Kommt sofort!“ Mein Männlein fliegt quer über's Brett.
Goldlöckchen schlägt glucksend die Hände vor den Mund.

Zwergnase gewinnt und klatscht mit Goldlöckchen ab.
Ich wische alle Figuren zusammen und werfe sie in die Schachtel. Deckel zu, Affe tot.
„So. Alle bettfertig machen, es reicht für heute!“
„Aber Mama! Es ist doch erst sechs Uhr!“
„Genau. Und die Uhren wurden auch noch umgestellt!“

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