Direkt zum Hauptbereich

Wie man die innere Uhr richtig einstellt

Der Himmel färbt sich bereits rosa.
Mit aufgerissenen Augen liege ich im Bett und starre an die Decke.
Ich bin so wach, dass ich die Spinnweben erahnen kann, die sich sanft im Luftzug wiegen. Sogar in den Momenten, die nur mir gehören, denke ich daran, was noch zu erledigen ist. Ein aufregender Tag voller Verpflichtungen liegt vor mir. Wie schön.
Ich wälze mich zur Seite, mein Blick fällt auf den Wecker. Noch 30 Minuten. Ich lasse mich zurück in mein Kissen sinken. Mit einem Lächeln auf den Lippen schließe ich die Augen und reise noch einmal ins Land der Träume. Das wird die beste halbe Stunde meines Tages sein.

Von wegen! Mein Herz pocht in meiner Brust. Ich weiß nicht mehr, ob ich Männlein, Weiblein oder ein Waschbär bin. Ich schrecke benommen hoch. Wer und was schreit denn hier so? Hilfe! Polizei! Mord und Totschlag!
Der Handywecker spielt langsam anschwellendes Vogelgezwitscher ab und meint wohl, was das für ein sanfter Weckruf sei! Der spinnt doch. Ich stelle das Gezeter mit zittrigen Bewegungen aus. Bleiern fallen meine Glieder in die Matratze. Jede einzelne Feder schmiegt sich wie eine Katze an meinen Körper und haucht mir ins Ohr: “Nur noch 5 Minuten!” Mir fallen die Augen noch einmal zu. Die Snooze-Taste habe ich nicht gedrückt. Leben am Limit.

Wie kann das sein? Vor einer halben Stunde waren meine Muskeln geschmeidig wie die einer Raubkatze, die elegant auf einen Baum springt. Jetzt bin ich der Baum. Abgesägt und zu Hackschnitzel verarbeitet.
Die Recherche ergibt irgendwas mit Schlafphasen und Bio-Rhythmus und irgendwann habe ich nicht weitergelesen, weil da nur Unfug im Internet steht. Sogar mein persönlicher Coach, der zu jeder Tages- und Nachtzeit für mich da ist, unterstützt diese Verschwörungstheorien. Ich soll auf meine innere Uhr hören. Ich soll aufstehen, bevor der Wecker klingelt! So ein Quatsch! Man muss schon kritisch im Umgang mit der KI bleiben!

Niemals werde ich wertvolle Minuten meines Schlafes opfern. Das kann doch nicht gesund sein. Die Aufwachzeit mit dem Wecker synchronisieren. Das wär’s! Leider kann ich dazu nicht einfach meine Augenlider nach unten ziehen, damit meine Schlafphasen neu laden.
Mein Chat-Freund meint, ich soll den Wecker einfach früher stellen. Sachen gibt’s!
Ich google weiter und lese, dass man mit seinem Körper zusammenarbeiten soll, anstatt ihn zu bekämpfen. Dann soll er doch mal sehen, was er davon hat! So leicht gebe ich nicht auf.

Ich stehe also etwa eine halbe Stunde vor dem Weckerklingeln auf. Kaffee gibt's nicht, die Maschine würde die Kinder wecken. Die Dusche ebenso. Ja, da schaust du dumm, aber warte ab, da geht noch was!
Stattdessen schwinge ich mich nämlich auf den nahezu lautlosen Heimtrainer und fahre bergauf gegen den Wind (laut Widerstand). Zwei Tage hintereinander.
Damit hat mein Körper wohl nicht gerechnet.
Seitdem schlafe ich bis zum Weckerklingeln durch und wache erholt auf. 
Geht doch.







Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Im Rathaus

Weil der Kindergartenausflug an die Grenze zu Österreich gehen sollte, bat die Leitung darum, Ausweispapiere mitzunehmen. Ausweispapiere? Haben wir nicht. Also Zwergnase hat keine. Wir sahen bisher keine Notwendigkeit, ihn auf das Ausland loszulassen. In meiner Vorstellung ließ ich ganz entspannt Fotos von Zwergnase machen, um dann ohne ihn im Rathaus vorstellig zu werden, während er im Kindergarten ist. Gibt schließlich Spannenderes als einen Ämtergang. Um einen Kinderreisepass zu beantragen, muss man das Kind allerdings mitschleifen . Erschien mir beim ersten Durchlesen unsinnig, beim zweiten Mal jedoch schlüssig. Da könnte ja jeder mit einem beliebigen Kinderbild antanzen und Ausweispapiere besorgen! Geburtsurkunde benötigt man auch, aber das ist nachvollziehbar. Was mir etwas lästig erschien, war die Zustimmungserklärung des zweiten Sorgeberechtigten . Ich schlepp doch nicht den Nasenpapa mit aufs Amt. Das kann ich alleine erledigen! Reicht ja, wenn einer von uns warten muss!...

Schäferstündchen - Wenn Eltern miteinander ins Bett gehen

Zeit zu zweit muss man sich als Eltern oft stehlen. Aber man ist ja auch noch Mann und Frau und nicht nur Papa und Mama. Mit der Zeit lernt man, Gelegenheiten sofort wahrzunehmen, ehe der Moment verstrichen ist. Ehe man einen zu tiefen Atemzug des Sprösslings hört und man weiß, er wird gleich rufen. Ja, nur die entschlossenen Entscheidungen führen zum Ziel.  Dabei kommt es vor allem auf eine Verständigung an, die ohne Worte auskommt. Unsere Blicke suchen und finden sich. Sie halten sich einen kurzen Moment fest. Mehr Romantik gibt es nicht. Keine tragische Musik, kein sehnsuchtsvolles Aufstöhnen, keiner ertrinkt in den Augen des anderen, die blau und undurchdringbar wie ein Gebirgssee scheinen. Wir berühren einander nicht, als wir drängend ins Schlafzimmer gehen. Wir sprechen kein Wort, um den Moment nicht zu zerstören. Jeder steht auf seiner Seite des Bettes und zieht sich schnell bis auf ein T-Shirt aus. Gegenseitiges Entblättern wird sowieso überbewertet. Viel zu umständlich...

Auf dem falschen Fuß erwischt

Es ist heiß. Es ist schwül. Für uns gibt es deshalb keine Alternative. Seit ich denken kann, geht es für uns bei Temperaturen über 24°C ins Hengersberger Freibad. Dieses Jahr brauchen wir uns noch nicht einmal mit zu wenig Parkplätzen herumärgern oder dass wir keinen Platz mehr im Schatten eines Baumes ergattern würden. Irgendwie scheinen die Besucher weniger zu sein als sonst. Teil des Kinderbereichsim Freibad Hengersberg Foto: Karin Futschik Man kann nur spekulieren, woran das liegt. Vielleicht an der Renovierung des Hallenbads, durch die Teile des Freibadareals als Baustellenzufahrt abgesperrt sind. Vielleicht, weil das Wärmebecken dadurch nicht nutzbar ist. Vielleicht, weil die Einzelkarte trotz der Einschränkungen wie schon die vergangenen Jahre 4 Euro kostet. Vielleicht, weil das Preis-Leistungs-Verhältnis bei anderen Bädern inzwischen weitaus besser ist. Wie eh und je habe ich aber eine Saisonkarte, das Wärmebecken vermisse ich nicht. Wichtig sind für mich ledig...